Zur Prävention und Therapie von ADHS
Wie wir unsere Kinder vor „digitaler Demenz“ schützen können


Spi 250pWie stark Unterhaltungselektronik zu Verhaltensstörungen wie AD(H)S beiträgt, wird in jedem „Auswege“-Therapiecamp aufs neue deutlich: Fast alle betroffenen Kinder bekamen frühzeitig ausgiebigen Zugang zu Bildschirmmedien. Vor den verheerenden Folgen auf die Entwicklung von Denken und Verhalten warnt der Psychiater und Neurowissenschaftler Professor Manfred Spitzer (Foto li.): „Digitale Informationstechnik ist etwas, wovor man Kinder bis zu einem gewissen Alter – mindestens dem 14. Lebensjahr – schützen muss.“

Durchschnittlich 7,5 Stunden verbringen 12- bis 16-Jährige täglich damit, Bildschirmmedien wie PCs, Laptops, Tablets, Smartphones und Spielekonsolen zu nutzen. Eltern, die dies dulden oder gar durch Geschenke fördern, machen sich mitschuldig, wenn ihre Kinder „cyberkrank“ werden: Diesen Sammelbegriff gab einer der entschiedensten Kritiker unseres digitalisierten Alltags, der Psychiater und Psychologe Manfed Spitzer, „krankhaften Veränderungen, die durch neue Informationstechniken ausgelöst werden“. Für den ärztlichen Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm ist die Behauptung, digitale Medien könnten klug und sozial machen und seien für den Unterricht ideal geeignet, nichts weiter als eine Marketinglüge von „Google, Apple, Facebook und Co.“: „Gerade kleine Kinder müssen die Dinge ergreifen, um sie zu begreifen. Es ist nachgewiesen, dass die sensomotorische Entwicklung entscheidend für die Entwicklung höherer geistiger Leistungen ist. Schauen Sie einem vierjährigen Kind zu, wie es mit einer Nadel, einem Schlüssel oder anderen komplizierten Gegenständen wunderbar hantiert. Diese Handgriffe lernt es nicht, wenn es mit immer gleicher Bewegung über die Glasoberfläche eines Touchscreens wischt. Das ist eine maximale Verdummung der Sensomotorik.“

Und ältere Kinder? „wer zu viel Facebook und Whats-App nutzt, wird empathielos und asozial“, steht für Spitzer fest. Dass ein Kind sozial prima vernetzt ist, wenn es bei Facebook viele Freunde hat, bestreitet er: „Das sind häufig keine sozialen Kontakte. Am Bildschirm lernen Kinder weder Empathie noch das Verstehen von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie im Hinblick auf den affektiven Hintergrund einer Äußerung.“ Zudem erzeugen soziale Netzwerke wie Facebook „Stress und eine ständige Angst, etwas zu verpassen. Sie machen unzufrieden und unglücklich, alles andere erzählt Ihnen die Lobby. Von Risiken und Nebenwirkungen spricht keiner. Daher mache ich das als Arzt.“

Ab wann ist für Spitzer die Nutzung digitaler Informationstechnik akzeptabel? In der Kindheit und Jugend sollte die Freizeit überhaupt nicht mit ihr gestaltet werden: „Kinder gehören raus in die Natur, zum Sport. Sie lernen Musik nicht per App, sondern, indem sie ein Instrument in die Hand nehmen. Was bleibt, ist die Verwendung als Werkzeug.“

Aber warum sollten wir Kindern nicht beibringen können, mit digitalen Medien kompetent und kontrolliert umzugehen, statt rigorose Verbote auszusprechen? „Bedenken Sie doch“, sagt Spitzer: „Wenn wir wissen, dass Alkohol der kindlichen Entwicklung schadet und süchtig macht, veranstalten wir doch auch kein Alkohol-Kompetenztraining in Kindergärten und Grundschulen! Vielmehr schützen wir unsere Kinder, bis sie alt genug sind, damit sinnvoll umgehen zu können.“

Aber eignen sich digitale Medien nicht hervorragend als Bildungswerkzeuge? Klipp und klar „Nein”, sagt Prof. Spitzer. “Wenn wir in Büchern lesen, dann merken wir es uns besser, als wenn wir es googeln. Wer in einer Vorlesung mittippt, behält weniger als der, der mitschreibt. Das Alter, ab dem digitale Technik der Entwicklung von Jugendlichen nicht mehr schadet, ist schwer zu ermitteln. Bei 16-Jährigen sind Schäden definitiv noch deutlich, mit 18 darf jeder, was er will. Immer gilt: Die Dosis macht das Gift.“

Hier sieht Spitzer die Eltern in besonderer Verantwortung. „Smartphones und Spielekonsolen fallen ja nicht vom Himmel. Wir kaufen sie! Und wenn wir so etwas kaufen, um es an unsere Kinder zu verschenken, müssen wir überlegen: Tut es ihnen gut? Die DidDem 220pCybKra 220pAntwort ist: Nein. Also kaufen wir es nicht. Punkt, aus, Schluss.“ Wie realistisch ist das in einer Umgebung, in der Kinder schon mit Zehn zum belächelten Außenseiter werden, wenn sie noch immer kein Smartphone haben? Dafür, den Gruppendruck auszuhalten, sind „die Eltern eben zuständig.“

Quellen: Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knaur, München 2012; Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert, Droemer, München 2015; Interview mit der Sächsischen Zeitung, 4.11.2015, S. 22: „Digital macht krank“.


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