Team Margit Waidele als Clown 300p








Zum Beginn der Karnevalssaison
Vortodliches Helau


Am 11.11. hat wieder mal die Karnevalssaison begonnen. Da darf im ersten Newsletter, der in sie fällt, selbstverständlich kein wenigstens teilweise jecker Beitrag fehlen, damit nicht nur Tiefgänger, sondern auch alle Närrinnen und Narrhalesen unter unseren Lesern auf ihre Kosten kommen - zumindest rund vierzig Zeilen lang, danach wird´s besinnlicher. (Foto o. li.: “Auswege”-Teammitglied Margit Waidele als Clown bei unserem 20. Therapiecamp.)


Es war einer jener Tage, die man ihrer gewaltigen Erschütterungswellen wegen zurecht „historisch“ nennen würde, wenn er ein Datum der Menschheitsgeschichte wäre. Indes ist er nur ein Teil meiner Lebensgeschichte, ein Umstand, der ihm für mich freilich, untröstlicherweise, nicht das Geringste von seiner subjektiven Bedeutungsschwere nimmt.

Dabei begann er trügerisch vielversprechend, in einer Ferienwohnung, die ich während eines „Auswege“-Camps angemietet hatte. Ein erster verschlafener Blick aus dem Fenster bot mir einen prächtigen Sonnenaufgang über malerischen Schwarzwaldwipfeln dar, wolkenlos blau war der Himmel, Lerchen zwitscherten, der nervende Gockel vorm Hühnerhaus direkt unter dem Fenster hielt ausnahmsweise den Schnabel. Voller Vorfreude auf die strahlenden Gesichter, die mich in einer knappen Stunde im nahegelegenen Camphaus begrüßen würden, schlurfte ich ins Bad. Und dort begann ein Drama in mehreren Akten.

Erster Akt: vor dem Spiegel. Über dem steifen Hemdkragen wirft die Haut an meinem Hals Wellen, an denen gemessen die Himmlische Dreifaltigkeit eine eher glatte Angelegenheit sein dürfte.

Zweiter Akt: Auf dem Weg zum „Morgenkreis“ im Hintergebäude des Camphauses kichern mir drei kleine Campteilnehmer vom Sandkasten aus rotznasig hinterher: „Der hat bestimmt genug Geld, um uns ein Eis zu spendieren - für den Friseur braucht er ja keines mehr.“

Dritter Akt: Im „Morgenkreis“ witzelt ein Kollege, in Anbetracht des stattlichen Durchschnittsalters unserer Teammitglieder müsse man von einer „Rentnerband“ sprechen, wobei er es versäumt, mich ausdrücklich davon auszunehmen.

Vierter Akt: Beim Mittagessen in einem Gasthof bestelle ich probehalber den Seniorenteller – und statt energisch oder wenigstens taktvoll zu protestieren, serviert ihn mir die Kellnerin umstandslos.

Fünfter Akt: auf einer lichten Anhöhe ein paar hundert Meter über dem Camphaus, beim traditionellen „Flammkuchenfest“ der ganzen Campfamilie. In ein angeregtes Gespräch mit unserer Geschäftsstellenleiterin vertieft, schiebe ich den Kinderwagen mit ihrem süßen Nachwuchs neben ihr her über die Wiese. Da trifft ihr Gatte ein, und als der uns winkend entgegenkommt, ruft sie ihm grinsend zu: „Guck mal, Opa Harald ist im Einsatz.“ Nicht, dass ich nicht rechnen könnte: Ja, ich könnte durchaus ihr Vater sein. Trotzdem hätte ich von einer mit der gebotenen Feinfühligkeit ausgestatteten Angestellten erwartet, auch ohne entsprechenden Passus in ihrem Arbeitsvertrag respektvollerweise ein „Onkel“ zu bevorzugen, um mich gegenüber Angehörigen angemessen zu kennzeichnen.

Passenderweise ließ ich diesen denkwürdigen Tag besinnlich ausklingen mit der Lektüre von Psalm 90, Vers 12 aus der Hausbibel, die meine aufmerksamen Gastgeber auf dem Nachttisch ausgelegt hatten: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Memento mori: Gedenke deines Todes. Dazu erklang vom CD-Player feierlich ein gregorianischer Choral, der beginnt mit Media vita in morte sumus: „Mitten im Leben sind wir im Tod“. Anschließend schlief ich unruhig.

T-o LeicVon der Mitte ans Ende gedacht: Was kommt danach? Innerhalb der Karnevalssaison, vorher und anschließend gibt es nur drei Möglichkeiten: Nichts. Ein körperloses Jenseits. Oder ein Weiterleben in einem anderen Körper. Wie sehe ich meinem Ende am besten entgegen: mit Schrecken, mit Sorge, mit Gleichgültigkeit, mit Erleichterung, mit Vorfreude?



Zuversichtlich zur nächsten Inkarnation?

Gesetzt der Fall, nach meinem Tod werde ich ohne „jenseitigen“ Umweg wiedergeboren:
Was für ein nächstes Leben blüht mir? Als Prinzessin, als Präsident, als Popstar, als Spitzensportler, als Lottomillionär, als Model? Als Frau, obwohl ich Menstruationen, Schwangerschaften, Geburtswehen und Wechseljahre hasse? Oder als Behinderter, als Bettler, als Sklave, als Kriegsflüchtling, als Mörder oder Mordopfer? Als Baby, das den plötzlichen Kindstod stirbt, kaum dass es den Bauch seiner Mama verlassen hat? Könnte meine Seele in ein Tier wandern? Hauskater bei den Müllers wäre noch okay, aber ganz bestimmt nicht Warzenschwein, Schnake, Blobfisch oder Kakerlake. Oder Kamel? „Zweimal dasselbe geht nicht!“, ätzt meine spätpubertierende Tochter. Droht meiner Seele schlimmstenfalls, in einen bloßen Gegenstand eingesperrt werden? Ich mag kein Stein werden, und schon gar nicht ein Lutschbonbon, der dritte Stern in der Deichsel des Großen Wagens, eine Coladose, ein Rasenstück - oder ein Bürgersteig, im Unterschied zu dem 31 Jahre jüngeren Japaner Yasuomi Hirai aus Kobe. Der wurde neulich zum zweiten Mal von der Polizei erwischt und festgenommen, als er, in einem Gully kauernd, durch dessen Gitter Frauen unter die Röcke knipste. Als Grund gab er bei der Vernehmung seinen innigsten Wunsch an, als Bürgersteig wiedergeboren zu werden. Weil sich meine nächste Inkarnation weder hinlänglich sicher voraussagen noch bestellen noch gegen Fehllieferung versichern lässt, eröffnet mir der Glaube daran, offen gestanden, eher bedrohliche als tröstliche Aussichten.

T-o HimmTröstliches Jenseits?

„Wer den Tod fürchtet, der liebt Gott nicht“: Diesen Spruch las ich neulich in einem Schreibwarengeschäft auf einer Trauerkarte. Also hilft gegen Todesangst am ehesten Religion? Bestimmt tut sie das oft. Ihr christlicher Glaube versorgt meine Eltern mit Antworten, die ihnen Trost und Hoffnung spenden. Es klingt ja auch vielversprechend, was ihnen die Bibel verheißt: eine unvergleichlich schöne Landschaft, in der sie eine „grüne Aue“ mit „frischem Wasser“ vorfinden werden, ein gläsernes Meer, das wie Kristall schimmert, und eine heilige Stadt aus reinem Gold, das „neue Jerusalem“, mit Mauern aus Edelsteinen, Toren aus Perlen und einem Baum, der jeden Monat seine Früchte wechselt. In diesem Paradies, so glauben meine Eltern, werden ihnen Verwandte, Freunde und andere liebe Menschen wiederbegegnen, die ihnen zu Lebzeiten besonders nahegestanden haben. Engel werden sie fürsorglich begleiten. Und sie werden Gott begegnen.

t-o- feuer_73018807Aber fürchten sie nicht, was ihnen droht, falls sie nicht gleich ins Paradies kommen? Müssen sie nicht mit dem „Fegefeuer“ rechnen: einer Zwischenstation, an der sie durch sinnliche Qualen „gereinigt“ und „geläutert“ werden? Graut ihnen nicht erst recht davor, womöglich sogar in die „Hölle“ zu geraten: ein flammendes Inferno, in dem ihnen Teufel und Dämonen unaufhörlich äußerste Schmerzen zufügen?

Nein, sie sind zuversichtlich, dass ihnen das erspart bleibt: Ein gottgefälliges Leben werde sie ohne Umwege in den Himmel bringen, sagen sie. Und irgendwann, am Tag des Jüngsten Gerichts, werden sie „auferstehen“, wiedervereinigt werden mit ihrem bestatteten Leib.

Mit alledem kann ich nichts anfangen, das ist mir zu märchenhaft. Ich kann einfach nicht glauben, dass der Himmel einem Urlaubsparadies aus dem Tui-Katalog entspricht – Malediven über den Wolken sozusagen. Ich kapiere nicht, wie man ohne Körper Gluthitze spüren kann. Mir will nicht in den Kopf, wie ein allmächtiger, gütiger Gott zulassen kann, dass seine Geschöpfe Höllenqualen erdulden müssen – ja, wie er es nicht nur zulassen, sondern vorsätzlich herbeiführen kann. Könnte so einer nicht großzügig ein Auge t-o172321100zudrücken – und alle Totenseelen gleich zu sich holen, auf Bewährung? Und geradezu absurd kommt mir die „Auferstehung“ vor. Können verweste Leichen „wiedererweckt“ ihren Gräbern entsteigen, in denen sie besonders tief „geschlafen“ haben, und dann mit ihrer körperlosen Seele „wiedervereint“ werden? Skelette und Zombies auf der Suche nach ihrem Privatgespenst?

Meine Eltern erwidern, das dürfe ich alles nicht so wörtlich nehmen, die Kirche tue das heute schließlich auch nicht mehr. Was in der Bibel stehe, müsse ich als „Gleichnis“ auffassen. Mit dem Himmel sei eher ein „zeitloser Zustand“ gemeint, in dem ich „eins mit allem“ sein werde. Das Fegefeuer sei ein „innerer Wandlungsprozess“. Die Hölle müsse ich mir als „freiwillig gewählte Ferne von Gott“ vorstellen. Da stelle ich sie mir lieber als Auschwitz oder Hiroshima vor, damit komme ich eher klar. Und ich frage mich, ob es Christen nicht eher befremdet als erhellt, wenn sie ihre Heilige Schrift nicht mehr beim Wort nehmen dürfen. Früher war ihnen chronisch angst und bange, zumindest schien ihnen aber klar, wo sie dran waren.

Würden mir andere Religionen eher einleuchten, sollte ich mich näher mit ihnen befassen? Jede stellt mir ein ganz neues Leben nach meinem jetzigen in Aussicht. Aber alles Neue ist unheimlich, und derart Neues erst recht. Wie habe ich mir ein immaterielles Sein vorzustellen? Was werde ich sein, so ganz ohne Leib? Wie ist es, körperlos fortzubestehen - wie fühlt sich das an, sofern ich dann überhaupt noch fühle? Wie sehe ich ohne Augen, höre ohne Ohren, verständige mich ohne Sprechorgane, handle ohne Gliedmaßen? Was erwartet mich „drüben“? Was vollkommen ist, braucht nicht mehr verbessert zu werden. Werden mir ewiges Rumhängen, unentwegtes Lobpreisen des Allerhöchsten, ständiges Betrachten seiner Werke, endlose Harmonie auf Dauer zusagen, oder geht mir das irgendwann auf den Geist, sofern er mir erhalten bleibt? Wie und wo existiere ich dort? Gemeinsam mit wem? Was nehme ich von alledem mit, was ich mir als wesentlich zuschreibe? Auf meine Ängste könnte ich drüben gut verzichten, zumal es dort vielleicht gar nichts mehr gibt, wovor ich mich fürchten müsste. Auf meine Sehnsüchte ebenfalls, die könnten dort ja alle schon erfüllt sein. Wie steht es mit meinen Erinnerungen, auch den unangenehmen? Was ist mit meinen Fähigkeiten? Darf ich weiterschreiben, tanzen oder kicken, falls das zu Lebzeiten meine große Leidenschaft war? Weitermalen oder musizieren, wenn ich Künstler war? Falls nicht, wäre das für mich nicht eine unhimmlische Höchststrafe? Behalte ich Charakterzüge, zumindest die positiven? Aber wie könnte ich zum Beispiel weiterhin hilfsbereit sein, wenn im Himmel keiner mehr Hilfe braucht? Behalte ich mein Selbstbewusstsein? Werde ich noch wahrnehmen, empfinden, denken, wollen können?

T-o Him2Werde ich „jenseits“ anderen Wesen begegnen, und welche wären das? Gegen Engel und sonstige liebevolle, hilfreiche Geistwesen hätte ich nichts einzuwenden. Auch mit Gott könnte ich mich anfreunden, falls er halbwegs dem umgänglichen Typ entspricht, der in Filmen wie „Bruce Allmächtig“ auftritt. Wer sonst erwartet mich „jenseits“? Werden Begegnungen immer und ausnahmslos angenehm sein? Wie kommen sie zustande, unter welchen Umständen? Werde ich all jene treffen, die ich geschätzt und geliebt habe - und nur sie, oder auch solche, denen ich hier Gleichgültigkeit, Verachtung, Furcht und Hass entgegengebracht habe? Werden verstorbene Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn darunter sein? Würde ich sie überhaupt wiedererkennen, wenn sie sich mir gesichtslos nähern? Werden solche Begegnungen flüchtig sein oder stabil? Könnten sie auch ein Ende haben, und wovon hinge das ab? Falls sie dauerhaft sind, wären sie ewig gleich, oder entwickeln sie sich? „Drüben“ meinem Opa wiederzubegegnen, fände ich klasse. Aber ginge es mir danach vielleicht so ähnlich wie mit einem guten alten Bekannten, der lange Zeit aus meinem Leben verschwunden war und mir jetzt überraschend über den Weg läuft? Zunächst ist die Wiedersehensfreude riesengroß, wir schließen einander herzlich in die Arme und haben uns eine Menge zu erzählen. Doch nach einiger Zeit ebbt der Überschwang ab, die gemeinsamen Themen erschöpfen sich, die Neugier ist gestillt, die Gesprächspausen häufen sich, zunehmend herrscht Langeweile, immer öfter würde man sich gerne zurückziehen. Mit meinem geliebten Opa verbrächte ich gerne nochmals ganz viel Zeit – aber eine ganze Ewigkeit?

Was werde ich körperlos überhaupt noch tun, auf welche Ziele hin? Oder bin ich einfach nur, und wie wäre das für mich? Wenn diesseits die Wirklichkeit Gottes mit so viel Schlimmem vereinbar ist – woher soll ich wissen, ob jenseits seine Allmacht, Allwissenheit und All-Liebe überzeugender zum Vorschein kommt? Wenn hüben alles Übel bloß vom Gottesgeschenk des freien Willens herrührt, wie Kirchenleute versichern – ist es drüben dann vorbei mit meiner Willensfreiheit? Wie wäre es für mich, nichts mehr wollen zu können? Sind unterschiedliche körperlose Seinsweisen möglich, vorübergehend oder sogar für immer, und wenn das so ist, habe ich Einfluss darauf, in welche ich überwechseln werde? Kann ich sicher sein, überhaupt dorthin zu gelangen – oder blüht mir, vorher oder stattdessen, ein unangenehmes Zweitleben außerhalb? Wovon hängt das ab, wer oder was entscheidet darüber, wie kann ich das beeinflussen?

Ja, gibt es „drüben“ mich überhaupt noch: ein Ich in Abgrenzung von anderen Ichs? Wo ein Körper ist, kann kein zweiter sein. Doch in einer Welt ohne Körper? Wird dort dasjenige, worauf ich mich mit dem Personalpronomen der ersten Person beziehe, mit anderen Ichs verschmelzen, oder mit Gott, mit allem? Inwiefern überlebe ich dann noch den Tod, was hätte ich davon? Wäre diese Aussicht nicht eher zutiefst beunruhigend als erbaulich?

Ist es nicht sonderbar, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod stets mit der Überzeugung einhergeht, zumindest für den Rechtschaffenen und Gottesfürchtigen sei „danach“ alles friedlicher, sicherer, schöner, glücklicher, gerechter, geordneter, jedenfalls viel, viel besser, und das auf sehr lange Zeit, wenn nicht gar ewig? Je eingehender ich mir eine „jenseitige“ Zukunft als pure Geistseele auszumalen versuche, desto mulmiger wird mir zumute. Bietet die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode nicht so reichlich Anlass zu Verunsicherung, Sorge und bangem Erwarten, dass die wahre Gnade Gottes darin bestünde, es uns zu ersparen?

„Das Jenseits ist völlig anders, als wir uns jemals vorstellen können“, erwidern mir manche. Doch woher wissen sie das? Wer behauptet, ein Bild verfehle die Wirklichkeit ganz und gar, muss diese Wirklichkeit schon kennen – wie könnte er sonst wissen, dass sie einander nicht entsprechen?

„Du sollst dir kein Bildnis machen!“, ermahnt man mich. Tue ich aber, ich kann nicht anders, auch der Mahner nicht. Niemand kann beschließen, es bleiben zu lassen, jedenfalls solange er ein Mensch ist. Wer mir einerseits ein „jenseitiges Leben ohne Körper“ in Aussicht stellt, mir andererseits aber jede erdenkliche Aussicht untersagt, der verlangt von mir Unmögliches: mir etwas vorzustellen, aber ohne Vorstellungen; etwas zu begreifen, aber ohne Begriffe. Ein solches Denkverbot entbehrt jeglichen Sinns, weil es die Begriffe entleert, die es verwendet. „Male, aber ohne Farben!“, „Fotografiere, aber mach keine Fotos dabei!“ Wörter wie „Leben“, „ohne Körper“, „jenseits“ können keine Bedeutung haben, falls es niemanden geben kann, der ihre Bedeutung kennt. Zu wissen, was ein Wort bedeutet, heißt: Man weiß, wie es zu gebrauchen ist, man kennt seine Anwendungsbedingungen. Kennt man diese, dann auch mögliche Elemente eines „Bildnisses“.

All das empfinde ich nicht als Wortklauberei, sondern als geistige Selbstverteidigung – zum Schutz vor Sprachterroristen, die mir hochansteckende Krankheitserreger ins Gesicht blasen: nebulöse Begriffe, die sich in mein Hirn eingraben, meinen Verstand verhexen, meine Gedanken verknoten, verquere Vorstellungen und Trugbilder hervorrufen, mich auf Irrwege und in Sackgassen locken. Das beginnt schon mit dem „Himmel“. In vielen Köpfen hält er sich hartnäckig, obwohl in unserem Kulturkreis auch der gläubigste Christ, sobald er zur Schule geht, kaum noch damit rechnet, dass die Heimat der Totenseelen über den Wolken beginnt. Längst belächeln wir Aufgeklärten solche Vorstellungen als naiv. Dabei ist es ihr Ausgangspunkt keineswegs. Ist es nicht überaus vernünftig zu fragen, wo unsere Verstorbenen sind, wenn es sie einerseits weiterhin geben soll, andererseits aber nicht mehr in ihrem Leib? Denkbar sind vielerlei Auskünfte: Sie verharren tief unter unseren Füßen, in einer Unterwelt. Sie beseelen die Natur, Tiere und Bäume beispielsweise. Sie wohnen in anderen menschlichen Körpern, in denen sie wiedergeboren werden oder Besessenheit auslösen. Sie umschweben uns unsichtbar. Das Christentum hat sich für die Vertikale entschieden: Nach oben fuhr der wiederauferstandene Jesus, von oben wirft sein Vater ein Auge auf uns, von oben entsendet er ab und zu einen Engel. Zur Ehrenrettung des Himmels ist zu sagen: Dieses Bild ist eines von vielen, die sich aus unserem Vertrauen in die Logik eines Begriffs ergeben - Wer lebt, tut es irgendwo -, und daraus entsteht eine vollauf berechtigte Frage: nämlich die nach einer Ortsangabe.

An die Stelle des Himmels ist inzwischen ein unbestimmtes „Jenseits“ getreten – aber hilft uns das? Egal, ob sich jemand diesseits oder jenseits aufhält: Er tut es in Bezug auf etwas. Wenn ich diesseits des Neckars wohne und du jenseits, dann trennt uns ein Fluss, von dem ich mich mehr oder minder entfernt aufhalte und du auch. Wir könnten uns auch diesseits und jenseits des Rheins befinden, oder des Mittelmeers, des Atlantiks, oder des Polarkreises. Was wir aber unmöglich hinkriegen würden, wären Aufenthalte diesseits und jenseits von etwas, das weder irgendwo auffindbar noch zu benennen ist.

Und wenn nun einer sagt: „Das Jenseits steht für etwas außerhalb von Raum und Zeit“?
Dann verstehe ich nicht, was er meint, und ich bezweifle, ob er es versteht. Schon im „Außerhalbsein“ steckt eine räumliche Angabe, im „Nachtodlichen“ eine zeitliche. „Ewigkeit“ ist nicht das Gegenteil von Zeit, sondern unendliche Zeit. Wie auch immer wir den Vorgang des Sich-Trennens vom eigenen Körper, des Eintretens in eine ganz andere Welt zu beschreiben versuchen: Wir tun es in Begriffen mit eingebauter Zeitlogik. Jeder Gerichtstermin hat einen Zeitpunkt – wie sollte das Jüngste Gericht um diese Art von Termindruck herumkommen? „Sich lösen“, „hinüberwechseln“, „sich vereinen“, „aufgehen in“, „auferstehen“: All die Verben in Sätzen darüber, was mit uns nach dem Tode geschehen mag, bedeuten Vorgänge und Zustände, die mehr oder minder lange dauern und eine räumliche Dimension haben – sonst wären sie keine.

Doch wie sollte ich ausschließen können, dass es eine verborgene Wirklichkeit gibt, die weder ich noch sonst jemand begreifen kann – die so völlig anders ist, dass es uns die Sprache verschlagen würde, wenn wir Zugang zu ihr hätten? Wäre es nicht vermessen, diese Möglichkeit abzustreiten? Waren Magnetismus und Elektrizität etwa unwirklich, solange kein Mensch sie kapierte? Stimmt. Zumindest bestand aber immer die Möglichkeit, sie zu ergründen – während es angeblich in der Natur des nachtodlichen Seins liegt, dass kein Sterblicher es je ergründen kann. Eine „notwendig“ unbegreifliche Zukunft ist jedoch eine, die bei mir nicht freudige Erwartung auslöst, sondern Verwirrung und Unbehagen. Bei mir dämpft sie nicht Todesangst, sondern verstärkt sie.

T-o GehirDavon abgesehen: Ich kann nicht so tun, als hätte ich im Biologieunterricht Dauerschlaf gehalten und nichts über mich gelernt. Kein Geist, keine Seele ohne Gehirn. Würde es herausoperiert, so spränge kein gespenstisches Zweithirn ein, um meinen Leib weiterhin zu beseelen. Werden bestimmte Teile meines Gehirns verletzt, dann empfinde, denke und fühle ich anders oder gar nicht mehr; Wissen, Können, Charakterzüge verschwinden. Werden sie elektrisch gereizt, erzeugt dies künstlich gewisse Antriebe, Gefühle, Stimmungen, Eindrücke, Erinnerungen. Entwickeln sich einzelne Eigenschaften des Gehirns gar nicht erst - wie bei gewissen Defekten im Erbgut - oder verkümmern, wie bei Alzheimer und anderen Formen von Demenz, so kommen bei Betroffenen bestimmte geistige Fähigkeiten nicht (mehr) zum Vorschein. Wird die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn nur für ein paar Sekunden unterbunden, so werden wir bewusstlos. Nach wenigen Minuten treten unumkehrbare Schäden auf, von denen offenbar nichts ausgenommen bleibt, was wir einem Menschen an seelischen und geistigen Eigenschaften zuschreiben. Spätestens nach einer Viertelstunde stirbt es – und mit ihm anscheinend alles, was eine Person ausmacht. Beweist all dies nicht: Bewusstsein ist untrennbar mit Hirntätigkeit verbunden und erlischt mit ihr?

Strenggenommen beweist es nur: Vor meinem Tod ist mein Ich aufs engste mit einem funktionierenden Nervensystem verbunden. Ist völlig auszuschließen, dass sich das nach meinem Tod ändert? Könnte es nicht sein, dass es in mir irgendein rätselhaftes Etwas gibt, auf welches mein Ich überwechselt, wenn mein Leib stirbt? Oder vielleicht ist dieses Etwas schon zu Lebzeiten des Körpers der eigentliche Träger meines Ich, perfekt synchron mit biologischen Uhren tickend, ohne mit ihnen identisch zu sein? Abwegig wäre das nur, wenn als materielle Grundlage von Geist und Seele ausschließlich das menschliche Gehirn in Frage käme. Doch könnte sich das Ich zu seinem Nervensystem nicht ähnlich verhalten wie die Software eines Computers zu seinen Bauteilen? Die physikalische Grundlage von Computerfunktionen besteht bis heute aus Siliziumchips. Doch längst arbeiten Wissenschaftler an viel schnelleren, leichteren, kleineren, zuverlässigeren, robusteren Datenträgern neuer Art: an Rechnern aus ganz neuen Werkstoffen, aus bestimmten Molekülen, aus Bakterien, aus lebenden Zellen, sogar aus Erbsubstanz. Dieselbe Software könnte demnach von unterschiedlichster Hardware ausgeführt werden. Warum nicht auch der menschliche Geist?

Aber welchen Anlass hätten wir überhaupt, uns auf die Suche nach einem Zweitträger von Geist und Seele zu machen – sozusagen nach einer hauchzart freischwebenden, unsichtbaren Festplatte für mein unsterbliches Ich? Spricht dafür mehr als religiöser Glaube? Gibt es Erfahrungen, die darauf hindeuten?

Die Parapsychologie, so heißt es, bietet spannende, wissenschaftlich fundierte Hinweise darauf, dass Menschen ihr körperliches Ende überdauern - Berichte von recht glaubhaften Augenzeugen, darunter auch namhafte Forscher. Da erscheinen an bestimmten Orten geisterhafte Gestalten, es spukt dort. Wie aus dem Nichts tauchen Gegenstände auf und verschwinden wieder. „Medien“ scheinen Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen – manche schildern dann Dinge, von denen offenbar nur der Verstorbene selbst oder seine nächsten Angehörigen wissen konnten. Von leeren Tonbändern ertönen unverwechselbar die Stimmen Toter; ihre Gesichter zeichnen sich auf flimmernden Monitoren ab, unscharf zwar, T-o o-b-eaber erkennbar. Manche Menschen machen „außerkörperliche Erfahrungen“, während sie schlafen: Sie träumen nicht nur, dass sie zu entfernten Orten schweben, sie scheinen das tatsächlich zu tun, denn nach ihrer „Rückkehr“ schildern sie wahre Begebenheiten, von denen nur jemand wissen konnte, der sich tatsächlich am betreffenden Ort befand. Menschen aus aller Welt, die nach Unfällen dem Tode nahe waren und im letzten Augenblick wiederbelebt werden konnten, berichten übereinstimmend, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit: Sie hätten sich von ihrem Körper gelöst, ihn von außen betrachtet, seien dann durch einen T-o LichTunnel geschwebt. An dessen Ende seien sie, eingetaucht in strahlendes Licht, liebevoll von Wesen empfangen worden, unter denen sie angeblich Verwandte, Freunde und Bekannte wiedererkannten – darunter welche, von deren kürzlichem Tod sie noch gar nicht erfahren hatten. Manche Kinder „erinnern“ sich an ein früheres Leben: Sie beschreiben ihren einstigen, oft weit entfernten Wohnort und Ereignisse, die sich dort zugetragen haben sollen, sie nennen ihren früheren Namen und die ihrer damaligen Angehörigen, sie „wissen“, wie sie einst starben. Nachforschungen ergeben manchmal, dass ihre Angaben verblüffend exakt auf einen Menschen passen, der tatsächlich am betreffenden Ort lebte und starb.

Vieles davon kommt mir märchenhaft vor. Ein kleiner Teil beeindruckt mich aber, die vorgelegten Anhaltspunkte finde ich ziemlich überzeugend. Aber beantworten sie tatsächlich meine Frage, was aus mir wird, wenn mein Leib zur Leiche wird? Belegen sie wirklich, dass in mir etwas ist, das nicht den Gesetzen meines Körpers unterworfen ist?

Naturwissenschaftler sagen: „Nichts davon lässt sich mit unseren Methoden nachweisen. Die angeblichen Phänomene, sofern es sie überhaupt gibt, sind flüchtig und unberechenbar, selten treten sie wiederholt auf, man kann sie nicht in Experimenten überprüfen. Meistens gibt es nur einen Zeugen, und der lügt und trickst vielleicht, oder er hat sich alles bloß eingebildet.“

Mag sein, dass sie rechthaben. Vielleicht eignen sich ihre Methoden aber einfach nicht dafür, solche Phänomene aufzuspüren und ihnen gerecht zu werden. Was du aus dem Meer fischst, hängt davon ab, wie weitmaschig das Netz ist, das du hineinwirfst. Doch selbst wenn es sogenannte „übernatürliche“ Phänomene gibt, ist noch lange nicht klar, ob aus ihnen zwingend folgt, dass ich meinen Tod überlebe. Könnten es nicht Phänomene sein, die so rätselhaft sind wie Raumkrümmungen und Zeitverschiebungen, der Urknall und Schwarze Löcher – aber nichts Seelenhaftes, sondern irgendwann naturwissenschaftlich erklärbar, als Teil einer kausal geschlossenen physischen Welt? Dass sie in der heutigen Physik keinen Platz haben, muss nicht heißen, dass das immer so bleiben wird. In einem Zeitungsinterview sagte eine Forscherin einmal: „Was wir heute zu wissen meinen, ist bloß der neueste Stand des Irrtums.“ Deckt sich das nicht damit, was ich in der Schule über Wissenschaftsgeschichte lerne? Es gab Zeiten, zu denen die meisten Gelehrten meinten, die Erde sei eine Scheibe, werde von einem Sternenzelt überwölbt, befinde sich im Zentrum des Weltalls und werde von Menschen bevölkert, die keinesfalls vom Affen abstammen. Warum sollte es eines fernen Tages keine Physik des Gespensts geben?

Was sein könnte und irgendwann womöglich wissenschaftlich bestätigt wird, bringt mir aber herzlich wenig, wenn ich jetzt Gewissheit brauche. Also muss ich bis auf weiteres darauf gefasst sein, dass meine Existenz mit dem Tod meines Körpers endet, vollständig und endgültig.

Wäre das schlimm?

Vollständig vernichtet werden: ein Alptraum?

Ist mein Dasein ein unbedeutendes biochemisches Experiment, nichts weiter als eine flüchtige Verbindung von Atomen im unendlichen Raum? Sollte ich illusionslos einem allerletzten Tag entgegensehen, einer letzten Stunde, einer letzten Minute, einem letzten Atemzug? Und das wird es dann für mich gewesen sein - aus und vorbei?

T-o SkelReligiöse Menschen unterstellen solchen Schwarzsehern gerne, eine derart trostlose Perspektive müsse letztlich doch auch für sie ganz furchtbar sein, was bestimmt daher rühre, dass sie, ob sie das nun zugeben oder nicht, im tiefsten Inneren unter ihrer Glaubensleere leiden, an fehlendem letzten Sinn, der schließlich nur von Gott kommen könne.

Aber es leidet beileibe nicht jeder. Manchen genügt die Zuversicht, nach ihrem Tod in anderer Weise weiterzuleben: in den Erinnerungen Anderer, denn „der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, wie Bertolt Brecht sagte. Sie leben in Werken weiter, die sie zu Lebzeiten geschaffen haben und der Nachwelt hinterlassen; in den sozialen Rollen, die sie ausfüllen und in die Andere schlüpfen werden; in den unzähligen Hinsichten, in denen ihre Existenz den Lauf der Dinge beeinflusst und verändert hat. Durch unsere Worte, unsere Taten, unsere äußere Erscheinung, unser bloßes Da-Sein verändern wir in jedem Augenblick das Weltgeschehen: Wir veranlassen Andere, sich auf eine Weise zu verhalten, wie sie es nicht tun würden, wenn es uns nie gegeben hätte – was sich wiederum in deren Umgebung auswirkt. Bei näherem Hinsehen gleicht jede unserer Handlungen, selbst die unscheinbarste, einem Steinwurf ins Wasser, der Wellen schlägt, die sich über alle Weltmeere fortpflanzen. Zum Beispiel: Unterbräche ich jetzt die Arbeit an diesem Aufsatz, um beim Bahnhofsbäcker ein Stück Kuchen zu holen, so würde ich auf dem Bahnhofsvorplatz vielleicht den letzten freien Parkplatz belegen, woraufhin jemand anders sein Auto weiter entfernt abstellen muss, weshalb er knapp den Zug verpasst, in dem er womöglich seinen künftigen Lebensgefährten kennenlernen würde, der sich daraufhin vom bisherigen Ehepartner scheiden ließe, was sich auf das Schicksal der gemeinsamen Kinder, auf den geplanten Hausbau, auf Urlaubspläne, auf ihre beruflichen Karrieren auswirken würde usw. Jeder von uns, vom Penner bis zum Präsidenten, zieht eine einmalige, folgenschwere Spur durch die Zeitgeschichte des gesamten Planeten. Allein dadurch, dass es uns gibt, verändern wir den Lauf der Dinge für immer, weit über unseren Tod hinaus.

T-o KollwAber nicht jedem gelingt es, sich mit einer so gleichnishaften Unsterblichkeit abzufinden. Manchen quält durchaus die Aussicht, vor welcher ihren religiösen Mitmenschen erst recht graut: das vollständige, endgültige Ausgelöschtwerden. Die Vernichtung. Womit hilft man so jemandem, über religiösen Trost hinaus („Gottes unergründlicher Ratschluss“, „Der Herr hat ihn zu sich geholt“)? Was könnte mir helfen?

Ich könnte mir sagen: Der Tod ist etwas Normales und ganz natürlich. Alle Menschen sind sterblich; ich bin ein Mensch; also sterbe auch ich irgendwann. Logisch. Das gehört nun mal zum Kreislauf der biologischen Erneuerung, untrennbar verbunden mit allem organischen Leben. So gesehen, ist unser Verschwinden aus der Welt nicht erheblicher als unser hochgradig zufallsbedingtes Auftauchen in ihr.

Der Tod mag am Ende eines „erfüllten Lebens“ stehen. Kann man vorher nicht alles erreicht haben, was man sich zum Ziel gesetzt hat, und dafür Dankbarkeit, Liebe und Anerkennung ernten? Gibt es keinen Punkt, an dem man voller Stolz auf sein Lebenswerk zurückblicken kann, im Gefühl, es sei mehr als genug?

Der Tod kann eine Erlösung sein: von unerträglichen Schmerzen und anderen furchtbaren Lebensumständen. Oftmals beendet er ein Dasein, von dem es heißt, es sei „nicht mehr lebenswert“.

Muss ich es fertigbringen, im Hinblick auf meine eigene Vernichtung eine solche Perspektive einnehmen? Legt sich dann die Angst vor dem Ausgelöschtwerden?

Mir gelingt das nicht. Denn aus einer anderen Perspektive, die jedem von uns näher liegt, nämlich unserer eigenen, ist der Tod weitaus mehr als bloß ein übliches Ereignis im Lauf der Dinge, und dieses „Mehr“ macht seine erschütternde Tragik aus. Auch wenn es völlig normal ist, dass Katzen Mäuse fressen, und dieser Umstand insofern nicht sinnvoll beklagt werden kann, tröstet das die Maus nicht im geringsten.

Wird der Tod für den, der ihn vor Augen hat, dadurch zum Horror, dass er zu nichts wird – dass alles, was ihn ausmacht, erloschen sein wird wie eine ausgeblasene Flamme? Aber was juckt es die Flamme, wenn sie ausgegangen ist? In Wahrheit ist es eher das Sein im Nichts, vor dem vielen graut, als das Nichtsein. Nach der Beerdigung meines Opas soll ich, damals fünf Jahre alt, erschüttert zu meiner Mama gesagt haben: „Ich will nie, nie, nie tot sein. Sonst wäre ich ja für immer unter der Erde in so einem Holzkasten eingesperrt, alles um mich herum wäre schwarz, und niemand würde sich mehr um mich kümmern.“ Diese Furcht geistert keineswegs nur durch die Vorstellungswelt von Kleinkindern. Auch vielen Erwachsenen erscheint der Tod als eine endlose Isolationshaft in stockdunkler Stille, verbunden mit völliger Regungslosigkeit und Reizentzug in seiner sadistischsten Form. Doch dieses Grauen vor der Vernichtung im Tod rührt von wirren Vorstellungen her. Gleicht der Tod der finstersten Nacht? Der Vergleich hinkt: Im Dunkeln bin ich es, der sich in ihr fürchtet, in ihr nichts mehr sieht, in ihr friert. Tot hingegen bin ich nicht mehr. Wenn ich mich davor fürchte wie vor dem Dunkel, so male ich mir einen Zustand aus, in dem ich noch bin, während ich nicht mehr bin - sozusagen als Zeuge meiner eigenen Nichtexistenz. So verstanden, ist Todesangst grundsätzlich absurd. Falls nach dem Tod nichts mehr kommt, dann auch nichts, wovor man sich fürchten müsste. Manch einer glaubt sich auf seinen Tod zuzubewegen wie auf den Eingang einer Höhle. Und nun grübelt er, was ihn erwartet, nachdem er sie betreten hat. Wird er dann für immer im Finsteren sein? Oder wird er ein Licht gewahren, das ihn zu einem Ausgang führt, hinter dem sich ihm eine andere Welt eröffnet? Er rechnet nicht damit, dass diese Höhle im selben Augenblick verschwindet wie er selbst. Dass sie nur ist, indem sie in ihm ist.

Kommt meine Todesangst daher, dass ich es entsetzlich fände, nicht zu existieren? Doch es gab mich auch nicht, ehe ich geboren wurde. Es hätte sein können, dass es mich niemals gegeben hätte. Trotzdem erschüttert mich die Möglichkeit des Nichtseins vor meiner Geburt, oder gar des Nie-Gewesenseins, weitaus weniger als die Möglichkeit des Nichtseins nach dem Tode. Zwar mag ich bedauern, dass ich nicht schon als römischer Feldherr oder als mittelalterlicher Fürst gelebt habe, und falls irgendwann Zeitreisen möglich sind, würde ich vielleicht ein Ticket kaufen. Aber das Wissen, in der Vergangenheit noch nicht gewesen zu sein, berührt mich nicht annähernd so stark wie die Aussicht auf mein Nichtsein in der Zukunft. Ähnlich verhält es sich mit anderen Ereignissen, die mich betreffen: Der Schmerz, den ich durchlitten habe, ist für mich weniger schlimm als der, den ich auf mich zukommen sehe.

Ängstigt der eigene Tod, weil es scheint, als gleiche er einem Koma: nichts mehr wahrnehmen, denken, fühlen, handeln können? Aber käme er mir dann nicht viel weniger schlimm vor, als er es tatsächlich ist? Bewusstlosigkeit hindert mich an allem, was mir möglich wäre – doch immerhin bleiben es weiterhin Möglichkeiten des Tuns und Erlebens, die ich andernfalls realisieren könnte und dies täte, sofern ich wieder zu Bewusstsein komme. Zum Schlaf, egal wie lange er dauert, gehört die Chance, irgendwann aufzuwachen, wie gering sie auch sein mag. Weiterhin könnte ich. Insofern ist mein Tod viel einschneidender: Er zerstört all meine Möglichkeiten ein für allemal, indem er ihr Subjekt vernichtet. Daher hinkt der Vergleich.

Was ist es dann, was den Tod, subjektiv betrachtet, grauenvoll macht?

Die eine Besonderheit hat mit Erwartung zu tun. Mein Tod gehört zu meiner Zukunft, und meine Einstellung dazu, was diese mir bringen wird, schließt immer auch eine Vorausschau ein. Wie wird es sein, nächsten Sommer Urlaub in der Karibik zu machen? In eine andere Stadt umzuziehen? Ein Vermögen zu besitzen? Kinder zu haben? Was hingegen mein Ableben betrifft, gibt es nichts, dessen ich noch harren könnte – das schiere Nichts als solches ist kein möglicher Erwartungsinhalt. Und dieses Hemmnis verstört zutiefst.

Zum anderen schließt mein Tod ein, dass er etwas beendet, was für mich die allergrößte Selbstverständlichkeit darstellt. An mein eigenes Dasein habe ich mich sehr gewöhnt. So weit ich zurückdenken kann, gibt es mich. Objektive und subjektive Zeit liefen immer parallel. Im Tod driften beide auseinander, nicht bloß insofern, als die Welt da draußen ihren Fortgang nimmt, ohne dass ich noch in ihr vorkomme. Mein Tod als Ereignis in der Welt ist leicht zu begreifen – ganz im Gegensatz zum Ende meiner Welt.

Das ist es, was mich bei der Vorstellung meines künftigen Nichtseins alarmiert, verstört und fassungslos macht, sobald ich mich darauf einlasse, es mir auszumalen. Nichts kann dieses Grauen bannen, und deshalb verdient es mein Tod, dass ich ihn verfluche.

Aber ist es nicht zumindest unter bestimmten Umständen gut, dass ein Leben zwangsläufig endet? Oftmals erlöst er von einem erbärmlichen Dasein in Armut, Unfreiheit, Lieblosigkeit, Schmerz und Angst. Doch selbst dann bleibt der Tod schrecklich: Denn er beraubt sein Opfer ein für allemal jeglicher Möglichkeit, zumindest in Zukunft mehr Gutes als Schlechtes zu erleben.

Manche bemühen sich, mir das Sterbenmüssen schmackhaft zu machen, indem sie mir die „Langeweile der Unsterblichkeit“ an die Wand malen. Könnte es sein, dass sich solche Leute einfach schneller langweilen lassen als ich? Und würde ihnen dieser Wesenszug jenseits nicht früher oder später den gleichen Frust bescheren wie diesseits? Durchaus vorstellen kann ich mir, dass ich irgendwann von jedem bestimmten Leben die Nase voll haben werde – aber vom Leben an sich? Nicht, solange ich frei bin, seine Umstände so zu verändern, dass sie mir Neues zu bieten haben, und meine Phantasie reicht bei weitem nicht aus, mir alle erdenklichen Alternativen auszumalen, die ich dabei ernsthaft in Betracht ziehen würde. Je mehr mich mein Leben befriedigt und erfüllt, desto lieber hätte ich noch mehr davon. In meinen Exitus würde ich, falls ich wählen könnte, nur in zwei Fällen einwilligen: wenn mein jetziges Leben unerträglich wäre – zum Beispiel aufgrund ständiger starker Schmerzen -, ohne die geringste Aussicht auf Besserung. Oder wenn ich sicher wäre, dass etwas Entsetzliches unabwendbar auf mich zukommt, sei es ein alles vernichtender Kometeneinschlag, ein atomarer Dritter Weltkrieg, eine Diktatur superintelligenter Maschinen, eine Alien-Invasion, eine weltweite Seuche ohne Gegenmittel, oder irgendeine andere Art von Weltuntergang. Ansonsten würde ich mich vor der Wahl, entweder in wenigen Minuten tot oder noch eine Woche länger da zu sein, immer fürs Weiterleben entscheiden. Daraus schließe ich mit induktiver Logik, dass ich niemals sterben möchte.

Der Tod ist schrecklich, und Angst davor hätte ich bloß dann nicht, wenn ich nicht dabei sein müsste, wenn er eintritt. Weil ich vermute, dass es den meisten Menschen ähnlich geht, bin ich mir sicher: Jede Technik, die uns physisch unsterblich machen kann, würde auf reißende Nachfrage stoßen, sobald sie einigermaßen zuverlässig und bezahlbar wäre.

Für ein Leben vor dem Tode

Ob ich das noch erleben werde? Statt mir bis dahin weiter den Kopf über ein mögliches Leben nach dem Tod zu zerbrechen, sollte ich sicherstellen, dass es für mich ein Leben vor dem Tod gibt. Wenn mein Leben endet, will ich sagen können, dass ich gelebt habe. Auch dies zählt zu den Grundeinstellungen, die wir jedem Hilfesuchenden in den „Auswege“-Therapiecamps ans Herz legen. Dass ich sie teile, ist einer von vielen Gründen, weshalb ich bei jeder Gelegenheit dort  bin. In diesem Sinne: Memento vitae - und Helau!
                                                                                                                        (HW)



ausw-buch 150pP.S.: Mit der Frage „Was kommt danach?“ haben uns Teilnehmer in „Auswege“-Camps wiederholt konfrontiert – sei es, dass sie selbst oder ihnen Nahestehende an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, sei es, dass sie einen lieben Menschen verloren haben. Wie wir damit umgehen, erläutert ein längeres Kapitel in unserem kürzlich erschienenen Buch Auswege – Kranken anders helfen (re.: Cover).




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