|
Weit über Symptomlinderung hinaus So erging es den Patienten im einzelnen
Auch beim 13. Auswege-Camp ließen in vielen Fällen Symptome deutlich nach – bei Krankheiten, die zuvor seit Monaten, Jahren, teilweise Jahrzehnten auf konventionelle medizinische Maßnahmen zuwenig oder gar nicht angesprochen hatten. Was Patienten und Teammitglieder nicht weniger bewegte, waren Veränderungen auf allen Ebenen des Seins – „Heilung“sprozesse im eigentlichen Sinn.
Um die Anonymität der Teilnehmer zu wahren, werden im Folgenden keine Nachnamen und Wohnorte genannt, Vornamen durch Pseudonyme ersetzt (mit * gekennzeichnet).
1. Kinder und Jugendliche
Wem muss der kleine Erwin „etwas husten“? Dass eine Erkrankung oftmals erst dann wirkungsvoll und nachhaltig behandelt werden kann, wenn das soziale System des Betroffenen berücksichtigt und miteinbezogen wird, bestätigte sich bei diesem Auswege-Camp aufs Neue – insbesondere bei einem Großteil unserer kleinen Patienten. Beim jüngsten, dem 23 Monate alten Erwin*, waren mit anderthalb Jahren erstmals Atemprobleme aufgetreten, die seither immer wiederkehrten, verstärkt in der kalten Jahreszeit: Röchelnd rang er dann nach Luft. Ein ärztliches Attest vom Oktober 2013 bestätigte „rezidivierende, teils antibiotikapflichtige Infektionen sowie wiederholte Bronchitiden, weshalb derzeit von einer bronchialen Hyperreagibilität auszugehen ist“. Verordnete Inhalationen mit Kochsalzlösung hatten nur unzureichend geholfen. Schon kurz nach Campbeginn trat bei dem Kleinen erneut eine heftige Bronchitis auf, begleitet von hohem Fieber, bis 39,8 Grad – doch schon zwei Tage später, nach ersten Heilbehandlungen, war sie abgeklungen. Bei Campende erlebte ihn seine Mutter als „völlig symptomfrei“, und diese Besserung hielt zu Hause an, wie sie zwei Wochen später berichtete („Erwin geht es mit seiner Husterei sehr gut.“) Den Schlüssel zum Erfolg könnte unser Campteam darin gefunden haben, im Symptom ein Signal, in der Krankheit eine Bedeutung zu sehen. Was „sagen“ Bronchien, wenn sie „hyperreagibel“ sind? „Die Lunge hat mit Trauer zu tun“, so deutet unser Camparzt Dr. Horst Schöll ihre „Organsprache“. Der kleine Erwin „reagiert sehr sensibel auf die seelischen Belastungen der Mutter“, die merkwürdigerweise ebenfalls mit Lungenproblemen zu tun hatte, genauso wie ihr Vater, Erwins Opa. Sie „benötigt ein gesundes Umfeld, in dem alle Familienmitglieder eine vertrauensvolle Einheit bilden und sie so sein darf, wie es ihr entspricht. Dann wird sie stark, braucht nicht mehr traurig zu sein, kann mit Erwin so umgehen, wie der es braucht – und beide müssen niemandem mehr ‚etwas husten’.“ Auf dem Weg zu einer solchen Einheit erlebten wir Mutter, Oma und Opa, die gemeinsam mit Erwin angereist waren, während der acht Tage; unter dem Eindruck der allgegenwärtigen Campharmonie und mehrerer intensiver Beratungsgespräche, offen für ein neues, tieferes Verständnis der Hintergründe von Erwins Belastung, beflügelt von eigenen gesundheitlichen Fortschritten wurden sie gelassener und zuversichtlicher, legten Ängste ab, fanden zu Akzeptanz und Vertrauen. Bei Erwins Mutter, der 23jährigen Eva*, liegt seit ihrem zweiten Lebensjahr eine Störung der Sprachentwicklung vor; es fällt ihr schwer, Worte zu finden, längere Sätze zu bilden. Mit elf Jahren entsprach Evas Wortschatz noch dem einer Fünfjährigen; eine Kinderklinik erklärte sie 1998 für „geistig behindert“. Während des Camps berichteten mehrere Therapeuten, während der Sitzungen hätte sie „ganz normale Gespräche“ führen und ihre Probleme „flüssig und klar vortragen“ können. Auch Opa Manfreds* Lungenleiden - eine seit zehn Jahren bestehende obstruktive Bronchitis, die mit Atemnot einhergeht -, ließ schon während des Camps erheblich nach, wie unser Arzt abschließend feststellte.
Ludwig sagt „Mama!“ Bei dem dreijährigen Ludwig* waren mit sieben Monaten, im Oktober 2010, erste epileptische Anfälle aufgetreten – äußerst heftige, die mindestens acht Minuten andauern; dabei wurde der Kleine bewusstlos. „Momentan kommen sie hauptsächlich nachts aus dem Schlaf“, berichtet die Mutter. Medikamente brachten keinerlei Linderung, im Befundbericht einer Klinik ist von „Pharmakoresistenz“ die Rede. Seine Entwicklung verläuft stark verzögert, er spricht nicht. Im Sommer 2012 fasste eine Logopädin Ludwigs Zustand so zusammen: „Keine Lautbildung, keine Artikulationsbewegungen, Produktion verschiedener Töne mit mäßig passendem Bezug. Die Zungenbewegungsparameter sind nicht altersgemäß entwickelt. Die Essens- und Trinksituation ist nicht altersgemäß. Die Wahrnehmung (…) ist eingeschränkt.“ Seine ausgeprägte Ängstlichkeit zeigte sich gleich bei Ankunft: „Längere Zeit verkroch er sich auf meinem Schoß und weinte viel“, so seine Mutter. In all diesen Hinsichten machte Ludwig schon während des Camps deutliche Fortschritte. „Die Anfälle treten zwar nicht weniger häufig auf, aber viel weniger intensiv“, beobachtete seine Mutter. Seine Sprachstörung habe sich „deutlich“ gebessert; er produzierte „viele neue Töne“ und Silben, sagte „zum ersten Mal klar und deutlich ‚ja’ und ‚nein’“, sprach Campteilnehmer mit ihren Vornamen an; am fünften Camptag gab er „Mama!“ von sich. „Auch ist er ausgeglichener geworden, weniger weinerlich, offener, aufmerksamer und wacher.“ Von Ängstlichkeit keine Spur mehr: Am vorletzten Camptag musste seine Mutter ihn „dreimal aus der Hauskneipe holen, weil er sich einfach zu Fremden mit an den Tisch gesetzt hat“. Besserte sich Ludwigs Symptomatik auch deshalb, weil seine Mutter vom Campaufenthalt enorm profitierte? Wegen einer Angststörung mit Panikattacken war sie schon seit längerem in Psychotherapie. Vom dritten Camptag an war sie immer häufiger und länger frei von Angstgefühlen und „innerlich sehr ruhig“. Unserem Camp verdanke sie wertvolle „Denkanstöße“, wie sie in ihr Tagebuch notierte: „Ich habe begriffen, dass ich mir viele meiner Probleme selber mache – durch meine Gedanken, meine Befürchtungen, meinem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ich habe verstanden, dass ich auch an mich denken muss und mich nicht vernachlässigen darf. Denn nur wenn es mir gut geht, kann ich das an mein Kind weitergeben.“
Wenn Vater und Sohn „aus der Haut fahren“ wollen Auch beim fünfjährigen Thomas* erwies es sich als unabdingbar, seine Familie mit ins therapeutische „Boot zu holen“. Seit rund zwei Jahren treten bei dem Jungen an mehreren Körperstellen – besonders unter dem linken Arm - neurodermitisähnliche Erscheinungen auf, die ein Arzt kürzlich als Ekzeme einstufte: entzündliche, nicht infektiöse Hautveränderungen, die meist mit Juckreiz einhergehen. „Wir haben das bisher nur beobachtet und noch nicht behandeln lassen“, berichtet die Mutter. Ist es Zufall, dass ähnliche Hautproblemen auch bei Thomas Vater vorliegen? Von Geburt an leidet er an Neurodermitis – „anfangs in leichter Form, seit dem 14. Lebensjahr verstärkt“ -, mit „starkem Juckreiz in Schüben und trockener, an vielen Stellen offener Haut“. Eine Ärztin „verschreibt mir regelmäßig eine Salbenmischung mit Cortison“, mit der sich Schübe zumindest „eindämmen“ lassen. Wie unser Camparzt bei der Schlusskontrolle feststellte, hat sich bei dem kleinen Thomas immerhin „die Haut etwas beruhigt“. (Darüber hinaus verschwanden bei ihm kurz nach Campende zwei hartnäckige Warzen.) Auch in diesem Fall scheinen psychosomatische, systemische und symbolische Zusammenhänge wichtig: „Der Junge“, so vermutet der Arzt, „trägt für den Vater das Leiden mit – und könnte zeitweise ‚aus der Haut fahren’, weil seine Eltern das Leben miteinander nicht hinkriegen“. Im Campverlauf wirkte er immer entspannter – „parallel zur neuen Gelassenheit des Vaters und der allmählichen Entspannung im Verhältnis seiner Eltern zueinander. Wenn der Vater seine Neurodermitis los ist, wird sie auch beim Sohn verschwinden“, sagt der Arzt voraus. Beim Vater blieb das Hautbild zwar, nach eigener Aussage, „in etwa unverändert“; allerdings habe er „in den Heilsitzungen viel über mich gelernt, das ich erst verarbeiten und ‚integrieren’ muss. Die Veränderungen schlummern wohl noch unter der Oberfläche und werden erst in nächster Zeit nachkommen.“
Epileptische Anfälle werden kürzer und seltener Eine gravierende Besserung erlebte die 17jährige Janina*, die seit ihrem sechsten Lebensjahr an Epilepsie leidet – so jedenfalls nach Auffassung der Neurologen, denen sie bisher vorgestellt worden war. Von „durchschnittlich hundert (!) Anfällen pro Tag“ ist im jüngsten Befundbericht eines Epilepsiezentrums vom September 2013 die Rede. Wegen Sturzgefahr „muss Janina in der ersten Stunde nach dem Aufstehen ununterbrochen begleitet werden. In der Woche vor der Periode treten die Anfälle in geringerer Häufigkeit auf, vielleicht 50mal pro Tag. Mit Einsetzen der Periode kommt es zu einer deutlichen Verschlechterung, mit ca. 150 Anfällen in den ersten zwei Tagen.“ Die starken Medikamente führen zu Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten bei der Verhaltenssteuerung; Janina ist oft müde und kann sich schwer konzentrieren. Ihr anhaltendes Leiden hat Janina zunehmend depressiv gemacht. Sie fühlt sich sozial isoliert: Aus mehreren Vereinen, in denen sie Mitglied war, hat sie sich abgemeldet, da sie sich ausgegrenzt fühlte. Bei Campende zog ihre Mutter Bilanz: „Die Anfälle sind kürzer, die Sturzgefahr geringer, die Anfallshäufigkeit stark reduziert“ – von durchschnittlich 100 pro Tag seien sie auf 40 zurückgegangen, wie uns die Mutter Ende November schrieb. Darüber hinaus wirke Janina „wesentlich ruhiger“ und sei „mehr bei sich. Ihre Gesichtszüge sind entspannter.“ Je öfter unser Therapeutenteam mit Janina arbeitete, desto skeptischer wurden wir, ob die Epilepsie-Diagnose tatsächlich zutrifft: Ihre „Anfälle“ bestanden in der Regel darin, dass sie für einen Moment zwinkerte und den Kopf wegdrehte. Unser Camparzt erlebte das Mädchen als „labil, sensibilisiert und möglicherweise durch ein Trauma stark destabilisiert. Vermutlich braucht sie die vermeintlichen ‚Anfälle’, um ‚auszuweichen’ und ‚abzuhauen’, wenigstens für eine Weile.“
Ein weiterer Epilepsiepatient, der inzwischen 16jährige Jonas*, besuchte nun bereits zum vierten Mal ein Auswege-Camp. Seit seinem vierten Lebensjahr leidet er daran, begleitet von typischen Entwicklungsverzögerungen. Schon bei früheren Campaufenthalten ist er nach Angaben der Mutter „viel klarer geworden, verständiger, selbständiger, unternehmungslustiger“; Anfälle traten danach seltener und schwächer auf, auch wenn es später zu Rückfällen kam. Und auch diesmal „hatte mein Junge wesentlich weniger Anfälle, große wie kleine“. Während des Camps erlebte sie ihn „sehr wach, aufgeschlossen, gesprächig, sehr selbständig. Die ganze Woche war er total gut drauf. Ich bin begeistert von ihm.“. Im Januar 2014 bekräftigte Jonas Mutter: „Zur Zeit fahre ich weiter ein Medikament von Joshua runter. Er hat zwar viele kleine Anfälle, aber weniger große. Auch das ist dem Auswege-Team zu verdanken, denn ohne euch hätte ich nicht den Mut und vor allem die Kraft zur Veränderung. Es ist schon anstrengend, die täglichen Anfälle mit anzusehen und hinzunehmen und Joshua gleichzeitig das Gefühl zu geben, alles sei gut so, wie es ist. Ihr habt mir eine ganz andere Sichtweise auf die Erkrankung gegeben und dafür bin ich dankbar.“
Autistisches Sozialverhalten? Von wegen. Eine von vielen therapeutischen Herausforderungen, die wie gerne viel länger als bloß acht Camptage lang angegangen wären, präsentierte uns die 17jährige Larissa*. Mit vier Jahren war ihre Sprachentwicklung derart verzögert, ihr Verhalten so auffällig gewesen, dass die besorgten Eltern eine umfassende Diagnostik veranlassten. Eine Kinderklinik stellte daraufhin Autismus sowie eine geistige Behinderung fest. Laura bedürfe einer „kontinuierlichen Begleitung und Unterstützung in der Bewältigung des Alltags“, heißt es im Befundbericht. Bei extremen Stimmungsschwankungen komme es zu unberechenbaren, heftigen, scheinbar grundlosen Wutausbrüchen. Ihre Verhaltensweisen seien „in hohem Maße eigengesteuert, rigide und starr“, ihre Kommunikation „stark eingeschränkt“. Wichtig seien für sie „strukturierte und vorhersehbare Abläufe“. Auffällig seien Stereotypien wie Klopfen auf die Oberschenkel oder Schaukeln mit dem Oberkörper; es bestehe eine „erhöhte psychomotorische Unruhe“. Larissa könne kaum Blickkontakt halten, wirke „affektiv flach“, zeige „wenig Mimik und Gestik“. Ihre Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken und Gesprochenes zu verstehen, sei „massiv eingeschränkt“, ihre „intellektuelle Leistungsfähigkeit stark unterdurchschnittlich“. Während der ersten Camphälfte, mit einem Dutzend Heilsitzungen, beobachteten wir bei Larissa verblüffende Verhaltensänderungen. In krassem Widerspruch zu ihrer „Autismus“-Diagnose zeigte sie sich enorm kontaktfreudig, „flirtete“ fröhlich mit mehreren männlichen Teammitgliedern, setzte sich auf ihren Schoß und schmiegte sich an sie, tanzte mit ihnen, lud sie zum Ballspielen ein, stellte neugierige Fragen. Zum ersten Mal schlief sie eine ganze Nacht durch, tagsüber „lachte sie extrem viel“, wie die Eltern in ihrem Tagebuch notierten. Doch ab Campmitte wurde sie plötzlich unruhig, weinte viel, schlief kaum, gebärdete sich überaus aggressiv, wollte auf der Stelle ihre daheimgebliebene jüngere Schwester wiedersehen; schließlich reisten die Eltern entnervt mit ihr ab, einen Tag vor Campende. Kaum zu Hause angekommen, schrieb uns der Vater: „Wir möchten euch hiermit, auch im Namen von Larissa ganz, ganz herzlich danken, dass wir bei euch sein und die wunderbare Atmosphäre und Behandlung miterleben und genießen durften. Es hat Larissa und uns sehr gut getan. Larissa war enormen Gefühlsschwankungen ausgesetzt, was sicherlich mit der therapeutischen Behandlung während unseres Aufenthalts zu tun hatte. Wir bewerten es positiv, denn es hat sich was bewegt – auch bei meiner Frau. Sie hat die Therapie unbedingt gebraucht, denn die Tatsache, dass ihr Kind behindert ist, hat sie noch immer nicht verkraftet. Während der ganzen Heimfahrt herrschte eine unheimliche Stille; die warme Atmosphäre des Camps umhüllte uns noch im Auto, und sie ist weiterhin in uns, obwohl wir schon längst zu Hause sind.“ Um einen echten Ausweg für Larissa zu finden, hätten wir nach Einschätzung unseres Camparztes Gelegenheit haben müssen, mit ihren Eltern intensiv weiterzuarbeiten. „Unter ihren derzeitigen Familienverhältnissen“, so befürchtet er, „ist dem Mädchen von außen kaum zu helfen. Autismus spiegelt immer auch eine verkorkste familiäre Konstellation wieder, in der Lieblosigkeit und Hilflosigkeit eine tragende Rolle spielen.“
Ein blonder Engel als Vorbild Keine nennenswerten Fortschritte – zumindest nicht in körperlicher Hinsicht – machte der kleine „blonde Engel“ dieses Camps, die fünfjährige Petra*. Von Geburt an ist das Mädchen von einer Cerebralparese betroffen (von lat. cerebrum: „Gehirn“, griech. parese: „Lähmung“): Bewegungsstörungen, die von einer frühkindlichen Hirnschädigung herrühren. (In Petras Fall liegt eine „periventrikuläre Leukomalazie/PVL“ vor: eine durch erheblichen Sauerstoffmangel verursachte Schädigung der weißen Hirnsubstanz.) Mit der dadurch hervorgerufenen Behinderung gehen Störungen des Nervensystems und der Muskulatur im Bereich der willkürlichen Motorik einher. Bei Petra liegt eine beinbetonte Spastik vor.
Auf mehrere Sitzungen mit Geistigem Heilen reagierte Petra erstaunlich: Ihre Hände begannen zu zucken, sie spürte Kribbeln von Kopf bis Fuß, die Beine taten ihr seltsam weh, sie bewegte alle Gliedmaßen. Doch am Ende war „die motorische Symptomatik unverändert“, wie ihre Mutter abschließend feststellte. Dessen ungeachtet habe sich ihre Tochter bei uns „sehr wohl gefühlt, wie sonst nur in ihrer häuslichen Umgebung“. Und auch ihr selbst habe „die Woche psychisch sehr gut getan“, nachdem sie seelisch hochbelastet zu uns gekommen war, traumatisiert durch den Tod ihres ersten Kindes und ihres Mannes: Nun „hadere ich weniger damit und empfinde Vorfreude auf mein weiteres Leben, bin wieder hoffnungsvoll und zuversichtlich“. Mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit, ihrer Lebendigkeit, ihrer Herzlichkeit, ihrer Offenheit, ihrer Freundlichkeit, ihrem Zutrauen wurde das kleine Mädchen gewissermaßen Teil unseres Therapeutenteams. Geistig hellwach, waren ihr ihre schweren körperlichen Einschränkungen vollauf bewusst; wie tapfer, geradezu selbstverständlich sie gleichwohl damit umging, war Vorbild für so manche erwachsenen Patienten, die über unentwegtes Hadern mit schwerem, unverdientem Los ihre Lebensfreude verlieren. Foto Mitte: Kopfüber-Spaß mit Mama; Foto li. unten: Petra beim “Morgenkreis”.
2. Erwachsene Patienten
Nicht nur bei mitgereisten Eltern von gehandicappten Kindern und Jugendlichen, auch bei anderen erwachsenen Campteilnehmern bewirkte die Therapiewoche erstaunlich viel – nicht in jedem Fall, nicht immer im erhofften Ausmaß, aber viel häufiger, als Ärzte zuvor erreicht und für möglich gehalten hatten. Auch wenn körperliche Symptome vereinzelt fortbestanden, besserten sich in ausnahmslos jedem Fall seelische Verfassung und Allgemeinbefinden enorm.
Warum eine MS-Patientin strahlt „Mut- und kraftlos, ohne Zukunftsperspektive“, erlebte unser Camparzt die 29jährige Kerstin* bei ihrer Ankunft; noch am vierten Camptag vermutete ein Heilpraktiker bei ihr eine regelrechte „Todessehnsucht – ich habe das Gefühl, dass sie gehen will“. Was bedrückte sie so sehr? Im Sommer 2007, damals 23, erschrak Kerstin darüber, dass sich ihre Hände und Füße taub anfühlten; sie sah Doppelbilder und fühlte sich zunehmend schwach. Neurologen stellten daraufhin eine Multiple Sklerose (MS) fest: eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen kann. Die Liste der Symptome, die bei der jungen Frau damit einhergehen, ist lang: gestörte Augenbewegungen (Ataxie), Sprechstörungen, Schluckbeschwerden, Atemnot, Inkontinenz; die Arme fühlen sich schwer an, der Rumpf schwach. „Ich kann nicht mehr laufen und stehen, ich sitze im Rollstuhl“. Vielerlei medizinische Maßnahmen brachten „keine Verbesserung, es wurde schrittweise schlechter“. Zwar tat sich an der MS-Symptomatik zumindest während der acht Camptage „nichts“ – jedoch habe ihre „innere negative Einstellung deutlich nachgelassen“, zugleich habe ihr „allgemeines Wohlbefinden“ zugenommen, wie Kerstin abschließend einräumte. Einzelne Heilsitzungen empfand sie als „sehr aufschlussreich, lehrreich, hilfreich – ich bin mit mehr Energie heraus- als hineingegangen“. Den Therapeuten Frank und Sandra Hierath, die sie zu Watsu-Sitzungen ins körperwarme Wasser des Hotelhallenbads mitnahmen, erschien sie am letzten Campwochenende „viel lebendiger. Ihre Augen leuchteten, sie hat gestrahlt.“ Ihr Vater, der sich unentwegt überaus fürsorglich und liebevoll um sie kümmerte, bedankte sich bei unserem Camparzt für „völlig neue Aspekte, ein neues Weltbild, eine neue Sicht der Dinge“.
Die Augen geöffnet Gleich mit drei vermeintlich schwerwiegenden Befunden suchte die 30jährige Silke* unsere Hilfe. Im April 2012 wurde bei der jungen Frau eine Hashimoto-Thyreoditis festgestellt, eine chronische Entzündung der Schilddrüse, die ihre Lebensqualität stark beeinträchtigt: „Ich fühle mich teilnahmslos, habe einen hohen Schlafbedarf, bin schnell erschöpft und wenig belastbar.“ Nach Angaben ihrer Ärzte „ist das unheilbar, ich bin lebenslang auf die tägliche Gabe von L-Thyroxin angewiesen“, ein synthetisches Schilddrüsenhormon; 50 mg davon nahm sie täglich. - Zwei Monate nach jener Diagnose wies eine Szintigrafie einen „kühlen Knoten“ an Sabines linkem Schilddrüsenlappen nach: eine Geschwulst, deren „Malignität (Bösartigkeit) nicht ausgeschlossen werden kann“, wie es im Befundbericht einer Uniklinik heißt. Behandelt wurde sie deswegen bisher nicht. - Im Frühjahr 2006 wurde ein Clivus-Chordom entdeckt - ein langsam wachsender, gutartiger Knochentumor der Wirbelsäule, der in jedem zehnten Fall metastasiert -, operiert und bestrahlt. Obwohl die Geschwulst nur teilweise entfernt werden konnte, ist sie seither nicht nachgewachsen. (Als „Clivus“ wird eine knöcherne Struktur bezeichnet, welche die mittlere von der hinteren Schädelgrube trennt.) Wie konnte es geschehen, dass diese scheinbar multipel schwerkranke Frau nach bloß acht Camptagen in ihrem Fragebogen angab, ihre Symptome hätten „deutlich nachgelassen“, sie fühle sich „viel fitter und stärker“, ihr „psychisches Befinden sei viel besser“? Weil ihr spirituelle Psychotherapie half, einen tröstlichen Sinn im Unabänderlichen zu finden? Keineswegs. Mit ihrer körperlichen und seelischen Verfassung ging es geradezu schlagartig aufwärts, weil ihr in unserem Camp die Augen geöffnet wurden: Ihre fatalen Diagnosen waren teils falsch, teils wenig Grund zur Besorgnis. Eine entscheidende Rolle spielte dabei unser Camparzt: Ihm gelang es, Silkes Ängste völlig aufzulösen, indem er ihren bisherigen Erfahrungen mit konventioneller Medizin eine neue Sichtweise entgegensetzte. Die Hashimoto-Thyreoditis, so machte er ihr klar, ist keineswegs eine lebensbedrohliche Erkrankung, die eine lebenslange Therapie erfordert – bei ihren täglichen 50 mg L-Thyroxin handelt es sich im Grunde um eine „Placebo-Dosis“, die sie weglassen könnte. „Ein kalter Knoten kann so bleiben, wie er ist.“ Und „einen Rezidiv-Tumor am Clivus gibt es nicht bei ihr“. Bei der angeblichen Krebsgeschwulst, so erklärte er Silke aufgrund jahrzehntelanger radiologischer Praxis, handle es sich in Wahrheit um Bindegewebe, das ein OP-Loch füllt; in bildgebenden Verfahren stellte es sich als „Raumforderung“ dar, die Ärzte zwar korrekt von Hirngewebe unterschieden, es aber für Krebs hielten. „Diese Frau ist gesund!“, hielt unser Camparzt, mit Ausrufezeichen, in seinem Schlussbericht fest. Ein halbes Jahr später, Mitte Januar 2014, bestätigte uns Silke per E-Mail: „Mir ging es im Camp und auch in den Wochen danach so gut wie lange nicht mehr. Allerdings habe ich eine Weile gebraucht, um das festzustellen. So hatte ich z. B. wochenlang keine Rückenschmerzen mehr. Anfangs habe ich das gar nicht so realisiert. Aber irgendwann merkte ich, dass etwas anders ist ... Auch mein gesamter Stoffwechsel ist aufgeblüht. Aus dem Camp konnte ich einige Ansätze und Gedanken in den Alltag aufnehmen.“
„Juhu!!!!“ Ein weiterer Teilnehmer, der aus Schwarzenborn weitaus mehr mitnahm als Symptomlinderung, ist Klaus* (59). Im Frühjahr 2012 hatte der Diplom-Ingenieur einen schweren Schlaganfall erlitten; diesem war ein Hörsturz vorausgegangen, der einen zeitweiligen Ausfall des Gleichgewichtssinns zur Folge hatte. „Jetzt im Juni erlitt er einen Herzinfarkt“, so hatte uns seine ratlose Ehefrau geschrieben. „Einige Tage später hatte er Fieber, Schmerzen im Oberbauch, ununterbrochen Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen, neurologische Ausfälle, wiederum unklarer Genese. Wie durch ein Wunder begegnete uns in größter Not ein hervorragender Ganzheitsmediziner und Kardiologe, der auch Energie- und Umweltmedizin praktiziert. Er ‚päppelte’ meinen Mann in den letzten Wochen wieder auf, unter anderem mit Prana-Heilen, Elektroakupunktur und Infusionen. Da er noch eine Anämie entwickelte, folgten Untersuchungen.“ Die Endoskopie wies einen Darmpolypen nach, der Ende August entfernt wurde. Kurz darauf kam es zu einem weiteren Herzinfarkt. „Es wurden stark verengte Gefäße festgestellt. Da er weder raucht noch sonstige Risikofaktoren bedient, ist das für uns schwer zu verstehen.“ Seine Symptome hätten „deutlich nachgelassen“, zog Klaus bei Campende Bilanz: „keine Atemnot mehr, ruhigerer Puls (unter 60), Blutdruck völlig normal (110/70). Ich fühle mich gesund.“ Was er darüber hinaus aus Schwarzenborn mitnahm, ist die „deutlich gestiegene Motivation, etwas in meinem Leben zu verändern“, notierte er abschließend im Patienten-Fragebogen. Fünf Tage später mailte er uns: „Diese eine Woche hat bei mir so viel bewegt, ich habe so viel gelernt, dass ich es normalerweise gar nicht glauben kann. Es waren nicht nur die Behandlungen oder die Begegnungen mit mir fremden Menschen – es war das Gesamtpaket, das auf mich gewirkt hat. Meine Frau hörte ich in einem Telefonat mit ihrer Schwester sagen, ich sei als neuer Mensch zurückgekommen.“ In einem Dutzend Heilsitzungen war Klaus klar geworden, dass „meine Arbeit mir nicht gut tut, Stress und Druck schaden meiner Gesundheit. Es war mir wichtig, zu Hause nicht wieder in alte Muster zu verfallen, sondern am Leben noch etwas teilzunehmen. Noch während der Therapiewoche verabredete ich mich telefonisch mit meinem Oberboss zu einem Essen am Abend des letzten Camptags. Dazu fuhr ich direkt vom Camp nach Holland – und ICH HABE GEKÜNDIGT!!!!“ (Vier Ausrufezeichen.) „Dieser Entschluss ist bei mir dank euer aller Mithilfe gereift, bis hin zur Tat! Juhu!!!!“ (Vier weitere Ausrufezeichen.) „MIR GEHT ES GUT!!!“ (Drei Ausrufezeichen.) Auch er hat sich bereits für ein Auswege-Camp 2014 angemeldet, diesmal gemeinsam mit seiner Frau.
Ein Ehepaar erhält Anstöße zur Selbsthilfe Bereits zum zweiten Mal vertrauten sich das Ehepaar Dorothea* (53) und Gerald* (59) uns an: sie mit einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (englisch chronic obstructive pulmonary disease, Abkürzung: COPD), die mit Husten, vermehrtem Auswurf und Atemnot bei Belastung einhergeht. Ständig ist sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Während einer ersten Campteilnahme im Juli 2013 kam Dorothea, nach eigenen Angaben, „längere Zeit ohne Sauerstoffzufuhr aus und habe besser geschlafen. Panikattacken hatte ich wesentlich seltener.“ Nach der Campwoche sei es ihr „wesentlich besser gegangen“, schrieb sie uns ein Vierteljahr später – „was im Laufe der Zeit wieder ein bisschen nachgelassen hat“. Auch diesmal tat ihr die Campwoche gut: Sowohl nach ihrer eigenen Einschätzung als auch nach dem Eindruck unseres Camparztes ließen COPD-Symptome während der Camptage wieder nach, zeitweilig kam sie ohne Beatmungsgerät aus. Therapiehindernisse vermutet unser Camp Arzt in ihrer Psyche: „Seelisch sieht sie sich auf einem aufsteigenden Weg – aber sie traut sich nicht, diesem Weg zu folgen. Immer noch plagen sie zu viele Ängste, dass es ihr schlecht gehen könnte. In manchen Situationen habe ich den Eindruck, dass sie diese Krankheit braucht, um eine Leere in ihrer Seele zu überdecken: Wäre sie gesund, dann müsste sie wieder für sich selbst sorgen – und ihr Mann bräuchte sie nicht mehr zu verwöhnen. Aber das will sie nicht.“
Ihr Ehrmann Gerald* leidet an Bluthochdruck – „medikamentös gut eingestellt“, wie er sagt, allerdings mit häufigem Nasenbluten. Zudem plagen ihn Schmerzen im Knie und Muskelverkrampfungen, die ihn beim Gehen behindern; weder diverse Schmerzmittel (Tabletten und Salben) noch Physiotherapie brachten Besserung. Seit 2002 macht sich eine Prostataerweiterung daran bemerkbar, dass Gerald einen ständigen Druck auf der Blase verspürt und häufig Wasser lassen muss. Schon während unseres Juli-Camps hatte der leitende Arzt ihn dort als „nicht ernstlich krank“ erlebt. „In seinem Bluthochdruck spiegelt sich der hohe Druck, der sich aus der Sorge für seine schwerkranke Frau ergibt.“ Wie Gerald berichtet, haben „meine Schmerzen im Bewegungsapparat, aber auch Allergien deutlich nachgelassen“, sein Bluthochdruck immerhin „ein wenig“, es kam zu „keinem Nasenbluten mehr“. „Meine innere Unruhe hat deutlich nachgelassen. Keine Missstimmung, kein Groll. Ich schlafe gut und tief. Hier habe ich eine positive Lebenseinstellung und wieder Ziele gefunden“, und dies wiederholte sich in Schwarzenborn: „Meine Schmerzen in Muskeln, Kopf und Brust haben deutlich nachgelassen“, sein Bluthochdruck immerhin „ein wenig“; er fühle sich „vital“, seine seelische Verfassung habe sich „erheblich verbessert“. Nach Einschätzung des Camparztes profitierte das Ehepaar besonders von gemeinsamer Gesprächstherapie. Dabei „haben beide verstanden, dass ihre Beschwerden stark mit Verhaltensweisen und Lebensvorstellungen des anderen zusammenhängen. Das macht ihnen Mut und gibt ihnen die Zuversicht, eine neue Lebensgrundlage für mehr Gemeinsamkeiten zu schaffen.“
Skeptisch angekommen, euphorisch abgereist Mit mehreren gravierenden Belastungen war Martin* (55) angereist: Seit zwanzig Jahren macht dem Ergo- und Musiktherapeuten ein Tinnitus (Ohrgeräusche) zu schaffen. Im Februar 2003 erlitt er einen Hörsturz. Beides hat ihn schwerhörig gemacht, mittlerweile „habe ich Angst, taub zu werden“. Seit über vier Jahren schmerzen seine Handgelenke bei und nach Belastungen: „Ich darf nichts Schweres tragen, sonst kann ich tage- und wochenlang nicht einmal mehr Gitarre spielen.“ In den neunziger Jahren setzte eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen (Sinusitis) ein, die bis heute anhält. Bei allen drei Diagnosen erlebte Martin leichte Besserungen: „Ohne Hörgerät konnte ich leichter Gespräche führen.“ Seinen schmerzenden Handgelenken „geht´s im Augenblick gut; ich spiele wieder häufiger Gitarre, mit mehr Vertrauen in meine Gelenke“. Auch seine chronische Nasennebenhöhlenentzündung sprach auf unsere Bemühungen an: „Nach einer Kristall-Licht-Therapie löste sich nachts eine große Menge Sekret.“ Kaum zu Hause angekommen, konnte er „eine ganze Nacht lang fast durchschlafen, mehr als acht Stunden, ich wachte nur einmal auf“ – zum ersten Mal seit Jahren. Noch bemerkenswerter war, was in seiner Psyche in Gang kam: „Ich bin in einem Superzustand, fast euphorisch, heimgereist“ – „so als wäre das Feld der Gedanken und Vorstellungen bunter geworden – so als hätten sich für bestimmte Situationen meine Handlungsoptionen erweitert, die Zahl positiver Möglichkeiten vergrößert.“ Foto re.: Martin musiziert beim Abschlussfest, ein kleiner Fan lauscht andächtig.
Erschöpft vom Aufopfern Ebenfalls Fortschritte machte die 68jährige Barbara* – die ältere Schwester von Dorothea (s.o.), weit über ihre körperliche Symptomatik hinaus. Die Rentnerin leidet an einer ausgeprägten „prolabierenden Rektozele“ (Grad IV): Dabei verlagern sich, aufgrund geschwächter Wandschichten, Teile des Mastdarms in die Scheide. Symptome sind anfänglich ein Druckgefühl im Beckenbereich, später ein Gefühl der unvollständigen Entleerung nach dem Stuhlgang, im weiteren Verlauf - bei zunehmender Größe und Vorwölbung bzw. Aussackung („Prolaps“) - ein Passagehindernis mit resultierender Verstopfung. Zwar wurde Barbara deswegen 2011 operiert, doch ihre Beschwerden dauern an. Außerdem klagt sie über Atemnot. Beides ließ im Campverlauf nach – und war, wie unser Camparzt beobachtete, „schon nach wenigen Tagen nicht mehr ihr Problem“. Was sie aus Schwarzenborn mitnahm, war eine veränderte Sichtweise auf ihr eigenes Leben: „Stets hatte sie in den Dienst an anderen gestellt und sich darin erschöpft, ohne dass sie darum gebeten worden war. Als sie dies akzeptieren konnte, begriff sie die Konsequenz für sich: Jetzt bin ich dran! Zuhause will sie nun ‚aufleben’ und sich neu ‚einrichten’.“ Foto re.: Barbara und Hanna beim “Morgenkreis”.
„Wunderbar betreut gefühlt“ Eine noch deutlichere Symptomlinderung erfuhr die 76jährige Hanna*. Seit rund zehn Jahren leidet die Rentnerin an Herzbeschwerden, die trotz einer Bypass-OP und nach Einsetzen eines Herzkatheders im September 2013 anhielten: „Schon bei geringer Belastung habe ich Atemnot, fühle mich erschöpft und bin ständig müde.“ Hinzu kommen orthopädische Probleme: ein Hals-, Lendenwirbelsäulen- und Karpaltunnelsyndrom, die starke Schmerzen in Schulter, Nacken und Rücken verursachen. All diese Beschwerden haben nach acht Camptagen „deutlich nachgelassen“, konstatierte Hanna abschließend. „Ich habe mich körperlich und seelisch ganz wunderbar betreut gefühlt und alle Behandlungen dankbar und froh angenommen!“ Kaum eine andere Teilnehmerin strahlte während der Camptage „so viel Freude, Fröhlichkeit und Dankbarkeit“ aus, wie dem leitenden Arzt auffiel.
„Mit das Beste, was ich bisher gemacht habe“ Keine nennenswerte Symptomlinderung, wohl aber einen erheblich „besseren Allgemeinzustand“ verdankt Markus* (55) seiner Campteilnahme. Seit über dreißig Jahren leidet der Tischler und Restaurator an Colitis ulcerosa, einer chronischen Entzündung von Mast- und Dickdarm, mit „Darmblutungen, Geschwüren und Durchfall“, wie er schreibt. Operiert wurde bisher nicht, Markus nimmt täglich Cortison. Um 1990 wurde bei ihm darüber hinaus Morbus Bechterew diagnostiziert: eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit Schmerzen und Versteifung von Gelenken. In beiden Fällen brachten etliche schulmedizinische und alternative Therapien bisher „keine Erfolge“, berichtet er Daran änderte sich auch während der Camptage nichts: „Durchfall: gleichbleibend, eher etwas schlechter, auf die veränderte Ernährung zurückzuführen“, notierte er abschließend in seinem Patienten-Fragebogen. Hingegen sei es „mit dem Rücken besser geworden“, berichtete er uns gegen Jahresende. Hingegen hat sich ein Hautausschlag im Gesicht während und nach der Campwoche eher verschlechtert. In psychischer Hinsicht profitierte er, nach Einschätzung des Camparztes, allerdings erheblich: „Sein Hauptproblem sind Selbstzweifel. Als sich diese besserten und aufzulösen begannen, hat sich sein Gesamtzustand sehr stabilisiert. Jetzt traut er sich sowohl beruflich als auch familiär einen Neuanfang zu. Schon vor dem Camp hatte er dazu neue Schritte eingeleitet, wusste aber nicht, ob er sich diese zutrauen kann. Nun geht er viel mutiger und zuversichtlicher nach Hause“ – und das bestätigen uns zwei E-Mails von Markus kurz vor Silvester: „Die Woche bei ‚Auswege’ gehört zweifellos mit zum Besten, was ich bisher gemacht habe. Nachhaltig bleibt die ungeheure Kraft und Energie dieser Woche, ihr Nachhall und mein Zugang hierzu – vielen Dank dafür!“ Insbesondere geholfen hat ihm, „den Sinn der Krankheit zu begreifen, sie als ‚Geschenk’ zu verstehen“, mit der Aufforderung, „mit mir und Anderen liebevoll umzugehen“.
„Unvergleichlich mehr Energie“ Ähnlich gemischt fällt die Campbilanz von Walter* aus, mit 79 zweitältester Patient im Auswege-Camp. Seit über 15 Jahren belastet den Rentner eine chronische Bronchitis, zu der im Laufe der Jahre eine immer wiederkehrende Entzündung der Nasennebenhöhlen (rezidivierende Sinusitis) kam. Beides führt zu „eitrigem Auswurf und Atemnot, zu Schwäche und Energielosigkeit“, klagt er. Seit Frühjahr 2000 liegt außerdem eine Polyneuropathie vor, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die bei dem Rentner unter anderem eine „zunehmende Gefühllosigkeit der Beine“ verursacht. In beiden Fällen seien die Beschwerden „im wesentlichen gleichgeblieben“, stellte er bei Campende fest. Viel wichtiger war ihm allerdings, was die Campteilnahme in seiner Psyche in Gang setzte: „Ich habe unvergleichlich mehr Energie und bekam praktikable Ansatzpunkte zur Selbstheilung. Der geistig-seelische Gewinn war außerordentlich hoch, zum Teil unbeschreiblich.“ Auf den leitenden Camparzt wirkte Walter „am Ende viel entspannter, zielgerichteter, dynamischer, zuversichtlicher, sichtlich begeistert von alledem, was er im Camp erlebt hat – dabei war er niedergeschlagen und eher mutlos zu uns gekommen.“ In Schwarzenborn begegnete er einer Art von Medizin, die Symptomträger als ganze Personen wahr- und ernstnimmt. In mehreren intensiven Therapiegesprächen ging es um Walters Vision: In Südamerika wollte er für arbeitslose Jugendliche „etwas aufbauen“, um ihnen eine schulische Bildung und damit bessere Lebenschancen zu geben. „Wir zeigten ihm auf, dass auch bei uns in Deutschland noch genügend Bedarf für Hilfe ist und er sich ‚auf seine Tage’ nicht noch mit immensen bürokratischen Hindernissen abzuschinden braucht“, berichtet unser Camparzt. „Diese Form von Denken motivierte ihn, gab ihm Mut und Freude – und machten seine Probleme unbedeutend, nicht mehr ‚ge-wichtig’.“
Im schwarzen Loch der Verlusttrauer Die einzige Patientin, bei der eine psychische Belastung im Vordergrund stand, nahm schon zum dritten Mal innerhalb eines halben Jahres an einem Auswege-Camp teil: Pamela* (48), die anhaltender Trauerschmerz zu uns führte. Anfang des Jahres verstarb ihr Ehemann an einer unaufhaltsamen, zu fortschreitenden Lähmungen führenden Motoneuronenerkrankung; nachdem Pamela ihn rund um die Uhr hingebungsvoll gepflegt hatte, „sehe ich nun für mich keinen Ausweg mehr. Dieser riesengroße Schicksalsschlag hat mich völlig aus der Bahn geworfen, ein großer Teil von mir ist mit ihm gegangen.“ Nun „fehlt mir alles, mein ganzer Lebensinhalt. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wie es ohne ihn weitergehen soll.“ Schon eine erste Campwoche Ende Juli in Rödinghausen hatte ihr gutgetan: „Ich grüble weniger, hier fühlte ich mich verhältnismäßig wohl.“ Nach der Abschlussveranstaltung verabschiedete sie sich von jedem einzelnen der vierzig Anwesenden mit einem Lächeln und einer herzlichen Umarmung. Einen Monat später, im Schwarzwald, erlebte das Campteam sie überwiegend als ebenso depressiv wie unkooperativ: Von ihren Gesprächs- und Behandlungsterminen abgesehen, hielt sie dort demonstrativ Abstand von der Campgemeinschaft und erklärte, niemand könne ihr helfen. Obwohl es ihr nach eigenen Angaben inzwischen sogar „eher noch schlechter geht“, hatte sie sich für das Schwarzenborn-Camp angemeldet: „Wenigstens finde ich hier Ablenkung“, meinte sie vorab, und diese Erwartung bestätigte sich erneut: Zwar „bleibt meine Trauer die gleiche – auch in diesem Camp habe ich sehr viel geweint, wenn ich alleine war“. Aber „mich in der Gesellschaft dieser lieben Menschen – Patienten und Heiler – aufzuhalten, ein Teil einer großen Familie zu sein, tat mir sehr gut.“ Unser Camparzt stellte bei ihr „auch diesmal ein besseres Wohlgefühl und längere Phasen von guter Laune“ fest, nach denen sie jedoch stets in ein depressives Loch zurückfiel.“ Seine Zuversicht, dass Pamela nach elf weiteren Heilsitzungen und Beratungsgesprächen „jetzt stabiler ist und bleibt“, erwies sich leider als verfrüht: „Bereits am ersten Tag zu Hause“, so schrieb sie uns eine Woche später, „war alles wieder beim alten, so als hätte die Campwoche gar nicht stattgefunden“. Immerhin hat sich Pamela fürs kommende Jahr bereits zu ihrem vierten Auswege-Camp angemeldet, was unser Camparzt vorausgesehen hatte: „Sie wird wiederkommen, weil sie alle Therapeuten als ihre neue Familie betrachtet.“
Worauf es beim „Gesundmachen“ ankommt – Hilfesuchende hilft Helfer Eine kaum überwindliche Form von Behandlungsresistenz bescherte unserem Team die älteste Teilnehmerin, die 83jährige Gisela*. Ihre „Multisystem-Erkrankung“ verdeutlichte uns die frühere Buchhalterin anhand einer mitgebrachten Liste von nicht weniger als 25 verschiedenen Diagnosen. Dazu zählten unter anderem eine Hypoglykämie („Unterzuckerung“) von Kindheit an, bei welcher der Blutzuckerspiegel deutlich unterhalb des altersgemäßen Normwerts liegt. Typische Symptome bei Betroffenen sind Heißhunger, Unruhe, Zittern, Blässe und Schweißausbrüche. 2003 bestätigte eine Biopsie, dass bei Gisela darüber hinaus eine neurogene Muskelatrophie vorliegt: ein nervlich bedingter Muskelschwund, der gewöhnlich zunächst an den Händen einsetzt, nach und nach aber den ganzen Körper befallen kann, verbunden mit ausgedehnten Zuckungen, möglicherweise auch mit Lähmungen. Bei Gisela stehen „Muskelschwäche und leichte Ermüdbarkeit“ im Vordergrund des Krankheitsbilds. 2009 kam eine weitere fatale Diagnose hinzu: eine „Small Fibre Neuropathie“ (SFN), bei der in erster Linie die sogenannten small fibres, die kleinkalibrigen Nervenfasern betroffen sind. Betroffene leiden typischerweise an brennenden Schmerzen oder anderen Missempfindungen; die Symptome verstärken sich häufig nachts und beeinträchtigen den Schlaf. Immerhin ließen einzelne Beschwerden während des Camps leicht nach, wie Gisela bestätigt: „Zur Zeit habe ich keine Verdauungsstörungen mehr. Mein linkes Bein hat mehr Kraft. Und ich kann etwas akzeptieren, was ich vorher nicht konnte“, wobei sie auf die Natur dieses „Etwas“ nicht näher einging. Ratschläge erreichten sie freilich kaum: „Bei unseren Gesprächen“, berichtet der Camparzt, „kam ich wenig zu Wort. Eigentlich wollte sie nur ihre eigene Version der Welt verkünden und mich belehren, worauf es beim ‚Gesundmachen’ ankommt, weil meine Kollegen aus der Schulmedizin von all den Dingen, die sie ‚erforscht’ hat, nichts verstehen und die Patienten nur ‚krank machen’. Dabei habe ich erfahren, dass ich bei Bedarf schon ganz gut darin bin, jemandem gut zuzuhören, der das dringend braucht, dabei in einer Art Alpha-Zustand zu sein und gut zu entspannen. So war bei unseren Gesprächen zwei Menschen geholfen!“
Zu Unrecht zufrieden? Schon in der Willkommensveranstaltung hatte Auswege-Gründer Harald Wiesendanger die angereisten Patienten davor gewarnt, von acht Behandlungstagen biblische Wunder zu erwarten: „schlagartige, vollständige, dauerhafte Genesungen für jedermann in jedem Fall“. Ohne einen wiederauferstandenen Jesus im Therapeutenteam träumt in unserer Stiftung niemand von einer hundertprozentigen Heilungsquote während unserer Camps. Wieviel wir unterhalb des Optimums erreicht haben – nicht ausnahmsweise, sondern zuverlässig bei jedem von über einem Dutzend Camps -, macht uns gleichwohl stolz und bestärkt uns in der Überzeugung, dass ein energetisch-spiritueller Ansatz die Humanmedizin nicht bloß humaner macht, sondern auch effektiver. Nochmals mit den Worten eines langjährigen Teammitglieds, der Heilerin Maja Petzold: Wiegt „das fühlbare Wohlbefinden nicht genauso viel wie eine messbare Veränderung des Gesundheitszustandes“? „Wer sich besser fühlt, kann mit allen Schwierigkeiten des Lebens besser umgehen.“
letztes Foto: Vor einer Grillhütte neben dem Camphaus trifft sich die Gruppe am Feuer, bei Stockbrot, Grillwürstchen und Glühwein.

|