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Editorial
Bedingungslos heilen -
Plädoyer für eine karitative Medizin


Schenken macht Freude – nicht nur dem Beschenkten. Kann es mehr? Angenommen, das Geschenk besteht aus einer gesundheitlichen Dienstleistung: einer ärztlichen Sprechstunde, einer psychologischen Beratung, einer psychotherapeutischen Sitzung, einer medizinischen Behandlung: Wächst diesen dann etwas zu, das ihnen abginge, falls sie in Rechnung gestellt würden?

Nunmehr achtjährige Erfahrungen mit unseren Therapiecamps legen nahe: Mildtätigkeit ist heilsam. Sie bringt einen zusätzlichen therapeutischen Faktor ins Spiel, der die Wirkung der eingesetzten Behandlungsweisen verstärkt.

Warum ist das so? Die meisten Patienten sehen darin eine großzügige, liebevolle Geste, die sie zutiefst beeindruckt. Mehr als bloße Worte überzeugt es sie davon, dass es dem Therapeuten nicht nur „ums Geld geht“, sondern bedingungslose Zuwendung, Fürsorge, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft für ihn oberste Priorität haben. Die Dankbarkeit dafür stärkt das Vertrauen in den Behandler; sie überzeugt davon, dass er selbst überzeugt ist vom Sinn und Nutzen dessen, was er anbietet; sie macht besonders offen für das, was er rät und tut; sie erzeugt eine Art von Sympathie, die in einem durch und durch kommerzialisierten, von NEWSL karitative medizin 250pGebührenordnungen geprägten Gesundheitswesen nicht entstehen kann. „Wir waren umgeben von Engeln, jeder war herzlich und hilfsbereit“, schwärmte die Mutter eines 19 Monate alten, stark entwicklungsverzögerten Jungen am Ende eines Campaufenthalts. Die Mama eines achtjährigen, geistig und körperlich schwerbehinderten Epileptikers äußerte abschließend: „"Es war mir nicht möglich, mich in der Runde zu bedanken, sonst hätte ich nur geweint. Euer aller selbstlose Art ist fast nicht zu verstehen. Danke, dass es Euch gibt,
und Danke dafür, was Ihr für uns alle tut!“ Wer so etwas sagt, hat sich auf Helfer und Hilfsangebote zuvor in einer Weise eingelassen, die einer therapeutischen Beziehung fremd ist, wenn sie zwangsläufig auf Geldtransfer zielt.

Insofern widerlegen unsere Erfahrungen das Vorurteil, der typische Patient verfahre nach der Devise „Was nichts kostet, kann nichts wert sein“. In weiten Teilen der alternativen Gesundheitsszene kursiert die paraphysikalische Mutmaßung, eine „angemessene“ Bezahlung stelle einen „Energieausgleich“ dar, der für den Behandlungserfolg unabdingbar sei. Daraus ist eine willkommene Ideologie der Heilerpraxis als Geschäftsmodell geworden, die bequemerweise von schlechtem Gewissen entlastet, bei Honorarsätzen ordentlich zuzulangen. Würden wir ebenso verfahren, dann müssten wir die annähernd 500 Termine pro Camp, die wir Hilfesuchenden anbieten, jedesmal mit zusammengerechnet rund 25'000 bis 30'000 Euro in Rechnung stellen, marktübliche Preise vorausgesetzt. (Im Schnitt kommen zwölf Therapeuten an sechseinhalb Behandlungstagen pro Camp auf täglich sechs Einsätze.) Wir verzichten darauf. Aus Dummheit? „Liebe heilt“, versichern Esoteriker. Aber erweist sich Liebe nicht auch im Verzicht auf finanzielle Vorteile?

Wenn im Zusammenhang mit medizinischen Leistungen von „humanitärer Hilfe“ die Rede ist, fallen uns zuallererst Ärzte und Krankenpfleger ein, die in der Dritten Welt bei Seuchen, Naturkatastrophen oder Kriegen ehrenamtlich helfen. Aber ist humanitas (lat.: Menschlichkeit, Wohltätigkeit) nicht auch hierzulande angezeigt? Würden wir unsere Preisliste für Campangebote am Gesundheitsmarkt ausrichten: Nur ein Bruchteil der Teilnehmer könnte sie sich aus eigener Tasche leisten, denn keine Krankenkasse kommt dafür auf. Wenn „Auswege“ nicht nur ein Hilfsprojekt für Besserverdienende sein soll, muss es auf Notlagen von Hilfesuchenden Rücksicht nehmen – aus Barmherzigkeit.

Allerdings muss man sich Geschenke leisten können. Der Haken an karitativer Medizin scheint: Anbieten kann sie nur, wer selber schon finanziell ausgesorgt hat. Stimmt das? Unter den rund fünfzig Therapeuten, die in „Auswege“-Camps bisher mindestens einmal im Einsatz gewesen sind, sucht man Millionäre vergebens; einer wie der andere betreibt daheim eine Praxis, auf deren Erträge er angewiesen ist, um sich und seinen Nächsten ein einigermaßen sorgenfreies Leben zu sichern. Trotzdem verzichten unsere Campteam-Mitglieder mindestens einmal pro Jahr auf den Erholungswert von neun Urlaubstagen oder die Einnahmen einer ganzen Praxiswoche – gerne und freiwillig, keineswegs im Gefühl, sich „aufzuopfern“ und ausgenutzt zu werden. Denn der Campverlauf entschädigt sie reichlich dafür: Sie gehören einem Team an, das vorbildlich demonstriert, wie ein effektives, egofreies, wohlwollendes Miteinander von helfenden und heilenden Berufen funktionieren könnte; sie werden Teil einer beispielhaften Gemeinschaft von Hilfesuchenden und Helfern; sie erleben hautnah, wieviel mit unkonventionellen Heilweisen zu erreichen ist, wenn ihnen optimale Bedingungen geschaffen werden, um ihre Stärken zu entfalten.

Wäre ein rein karitatives Gesundheitswesen möglich? Zumindest in Teilen – wenn mehrere tausend Therapeuten so dächten, fühlten und handelten wie die fünfzig in unseren Camps. Gleichwohl sind wir zwar Idealisten, aber keine Träumer. In der besten aller möglichen Welten gleichen Hilfesuchende durch freiwillige Zuwendungen großzügig aus, was ihnen gratis zuteil wurde. Im Hier und Jetzt würde ein derart betriebenes System medizinischer Versorgung im Nu kollabieren, weil es die Helfer in Not bringt, wie unsere Camps befürchten lassen. Zwar zeigen sich dort neun von zehn Teilnehmern am Ende durch Spenden erkenntlich; mit diesen jedoch ließe sich jedes einzelne Teammitglied im Durchschnitt gerade mal mit drei bis vier Euro pro Tag entlohnen – keineswegs, weil die Patienten knausrig und undankbar sind, sondern weil mehr ihrerseits nicht drin ist. Zu uns kommen Hilfesuchende, denen es großteils schon schwerfällt, für die eigene Unterkunft und Verpflegung aufzukommen; vereinzelt müssen sie von uns bezuschusst werden, um überhaupt dabei sein zu können. Unter solchen Umständen kann mildtätiges Heilen nie mehr als ein Nischenangebot bleiben – eine leuchtende Ausnahme von der ernüchternden Regel. Es deshalb geringzuschätzen, wäre töricht und unfair.

Unsere Camps machen niemanden reich. Aber sie bereichern jeden.


mit herzlichem Gruß
Ihr
Unterschrift_HW_150p Higrund weiss

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