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Editorial
Die Quittung: 65 : 29

Während „alternative“ Medizin weiterhin boomt, sinkt das Vertrauen in sogenannte „Heiler“ dramatisch, wie Umfragen belegen. Wollten sich Anfang der neunziger Jahre noch 65 Prozent aller Deutschen auf Geistiges Heilen einlassen, ist es inzwischen nicht einmal mehr jeder Dritte. Warum?

„Würden Sie sich einem medizinischen Laien mit besonderen Heilfähigkeiten anvertrauen, falls Sie eines Tages schwer erkranken und die Schulmedizin nicht weiter weiß?“ Das wollten die Tübinger Wickert-Institute 1992 von einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe in Westdeutschland wissen. Erstaunliche 65 Prozent antworteten darauf mit Ja: ein enormer Vertrauensbeweis.

HH 300pVervielfacht hat sich seither hat sich die Zahl der sogenannten Geistheiler, die noch Anfang der sechziger Jahre wohl nur bei wenigen hundert lag: Von Heilerschulen und Heilerverbänden am Fließband mit Diplomen und wohlklingenden Titeln versorgt („anerkannt“, „geprüft“, „Meister“ usw.) und durch das Bundesverfassungsgericht 2004 vom Damoklesschwert des Heilpraktikergesetzes befreit, dürften allein in Deutschland mittlerweile über 15.000 praktizieren. Um so häufiger hatten Hilfesuchende inzwischen Gelegenheit, deren therapeutische Fähigkeiten zu erproben.

Ein Vierteljahrhundert nach jener denkwürdigen Wickert-Erhebung hakte die Deutsche Presse Agentur (dpa) nach. In ihrem Auftrag wollte das Meinungsforschungsinstitut YouGov Ende Mai/Anfang Juni von 2027 repräsentativ ausgewählten Deutschen wissen: „Können Sie sich vorstellen, Heiler und ähnliche Helfer aus der Esoterikszene um Hilfe zu bitten, oder haben Sie es bereits getan?“ Nur noch 29 Prozent bejahen. Nahezu der ganze Rest der Befragten, 69 Prozent, erklärt jetzt, für sie komme das nicht in Frage.

Dass diesmal auch Ostdeutsche einbezogen wurden, mag den enormen Vertrauensschwund teilweise erklären. Ausschlaggebend dürfte jedoch vielmehr der dramatische Qualitätsverfall sein, den die Heilerszene in den vergangenen Jahrzehnten durchmachte. Er hat sich herumgesprochen; immer mehr Patienten wenden sich enttäuscht ab, warnen ihr Umfeld, berichten Trostloses bis Haarsträubendes in Internetforen, Presse und Fernsehen. Verlauf und Ursachen dieser traurigen Entwicklung, ihre Nutznießer und Leidtragenden legt unser Buch „Heilen ‚Heiler’?“ dar. Es erklärt, warum eine Einrichtung wie die IVH, die 2005 gleichzeitig mit unserer Stiftung Auswege entstand und Teil von ihr ist, dringendst not tut: als Instrument zum Patientenschutz, um in der Heilerszene mit einem aufwändigen Auswahlverfahren die Spreu vom Weizen zu trennen. Die aktuelle YouGov-Umfrage indes lässt befürchten: Dieses Bemühen kommt zu spät. Längst ist das Geistige Heilen dabei, in der Bevölkerung jeglichen Vertrauensvorschuss zu verspielen. Schulmedizinische Hardliner, futterneidische Heilpraktiker und sonstige Eso-Skeptizisten lachen sich dabei ins Fäustchen, sie können getrost die Hände in den Schoß legen: Was sie einst durch Strafanzeigen, Rechtsgutachten, Gesetzesinitiativen und PR-Kampagnen hinzukriegen trachteten, hat die Heilerszene nun selber bestens erledigt: ihr Ansehen zu ruinieren, den Ruf der wenigen Könner in Mitleidenschaft zu ziehen, die Zukunft einer wunderbaren Heilweise zu verspielen. Das bedauern wir zutiefst. Denn wieviel mit Geistigem Heilen möglich ist, erleben wir in jedem unserer Therapiecamps aufs Neue.

Ihr
Unterschrift_HW_200p Higrund weiss                                                                                                          
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