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Die Kirche und ihr Heiland
Ein Gedankenexperiment: Am beginnenden dritten Jahrtausend nach Christus macht am Bodensee ein bärtiger Langmähniger Anfang dreißig von sich reden, der ohne festen Wohnsitz barfuß von Ort zu Ort zieht, gemeinsam mit einem Dutzend devoter Anhänger, die ebenso verwahrlost daherkommen wie er. Ihnen folgt ein von Tag zu Tag anschwellender Tross emsig stenografierender, knipsender, filmender Journalisten. Wo immer der Landstreicher Rast macht, nimmt er sich Schwerkranker an, die von der Schulmedizin als "behandlungsresistent", als "austherapiert" beiseite geschoben worden sind - und heilt sie. Ohne Spritzen, ohne Tabletten, ohne irgendwelche sonstigen Mittel und Maßnahmen, die nach gegenwärtigem medizinischem Erkenntnisstand im beobachteten Ausmaß und Tempo wirksam sein könnten. In Radolfzell befreit er einen Verzweifelten, der vor ihm auf die Knie fällt, im Nu von einer hochinfektiösen Hautkrankheit - einfach indem er die Hand ausstreckt, den Patienten berührt und sagt: "Ich will es - werde rein!" In Konstanz sucht er eine Frau auf, die mit lebensbedrohlich hohem Fieber im Bett liegt, berührt bloß ihre Hand - und prompt sinkt ihre Körpertemperatur auf Normalniveau. Nach einem illegalen Grenzübertritt - einen Pass besitzt der Bärtige nicht - hilft er am anderen Seeufer, in Kreuzlingen, zwei psychisch Schwerstkranken, denen Schizophrenie diagnostiziert worden ist: In beiden will er Opfer einer Besessenheit erkannt haben, woraufhin er ihre angeblichen Dämonen in eine unweit grasende Schweineherde "austreibt" - mit der verblüffenden Folge, dass im selben Moment sämtliche psychiatrischen Symptome verschwinden, während sich die unglückseligen Schweine wie toll in den Bodensee stürzen und jämmerlich grunzend ersaufen. Zu einem Querschnittgelähmten, dem er auf der Hauptstraße von Rorschach begegnet, sagt er schlicht: "Steh auf, nimm deinen Rollstuhl und geh nach Hause!" Und tatsächlich: Der Mann steht auf und geht heim. Auf dem Bregenzer Hauptfriedhof reanimiert der Wundertäter den Leichnam eines kleinen Mädchens, das in der dortigen Kapelle aufgebahrt ist. Auf dem Weg dorthin tritt eine Frau, die schon seit zwölf Jahren an Blutungen leidet, von hinten an ihn heran, berührt den Saum seines Gewands - und ist von Stund an geheilt. In Lindau legt er sanft seine Finger auf die Augen zweier Blinden, die daraufhin ihre volle Sehkraft erlangen. An der Uferpromenade von Friedrichshafen gräbt der Langhaarige zwei Klumpen Erde aus, lässt Spucke darauftropfen und drückt sie einem weiteren Blinden auf die Augenlider; im nächsten Moment ertönt ein lauter Jubelschrei: "Mein Gott, ich kann endlich sehen!" In Meersburg gibt er einem von Geburt an Stummen die Stimme zurück.
Würde ein solcher Mensch unter uns weilen: Er wäre einer von mittlerweile über zehntausend Geistheilern, die sich im deutschsprachigen Raum um Patienten kümmern, deren Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind. Da er weder eine Approbation zum Arzt noch einen Heilpraktikerschein vorweisen könnte, geriete er rasch in Konflikt mit dem Rechtsstaat; obendrein würde ihm angelastet, dass er Heilkunde ohne festen Wohnsitz, im Umherziehen betreibt, mitunter nichtzugelassene Arzneimittel verwendet und eine Gewerbeanmeldung unterließ. Die mehreren tausend Euro, zu denen ihn ein Gericht wegen solcher fortgesetzter Ordnungswidrigkeiten verdonnern würde, könnte er nicht zahlen, denn er behandelt prinzipiell gratis. ("Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben", so könnte ihn die Deutsche Presse-Agentur zitieren.) Und so säße er, als besonders hartnäckiger Wiederholungstäter, vermutlich längst hinter Schloss und Riegel.Ebenso erginge es seinen Anhängern, sobald sie sich, unter Berufung auf seinen Auftrag, paramedizinischer Therapie zu befleißigen begännen.
Wie würden Vertreter der christlichen Kirchen zu diesem Fall Stellung nehmen? Wie reagierten sie insbesondere, wenn der Wanderprediger versichern würde, er sei der wiedergekehrte Sohn Gottes - und seine Jünger die rechtmäßigen Verkünder Seiner Botschaft?
Sie hätten, gelinde gesagt, ein Problem. Heilte der historische Jesus nicht, auf geistigem Weg, Blinde und Lahme, Aussätzige und Besessene?, ja "alle Krankheiten und Leiden"? (Mt. 4,23) Mindestens vierzig Stellen in den Evangelien künden davon, und bis heute werden sie von 71 Prozent der Bundesbürger für glaubhaft erachtet; immerhin 33 Prozent trauen Jesus nach wie vor sogar zu, Tote auferweckt zu haben. (1) Manchmal soll dem Gottessohn dazu ein einziges Wort oder ein knapper Befehl genügt haben, wie bei Matthäus 9,6: "Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh!", oder bei Markus 7,13: "Er sprach zu dem Taubstummen: Effata, das heißt: Öffne dich!" Ein andermal "berührte er ihre Hand, und das Fieber wich" (Mt. 8, 13). Hin und wieder verband er eine heilende Geste mit beschwörenden Worten. ("Jesus streckte die Hand aus und sprach: Ich will, sei rein", Mt. 8, 3.) Oder er sprach ein Gebet. Oder er ließ Leidende sein Gewand berühren. Oder er gab ihnen eingespeichelte Erde (Joh. 9,1-12). Sogar Fernheilungen sind überliefert (Mk. 7,29 f.). (Abb. re.: So stellte sich Rembrandt vor, wie Jesus einen Aussätzigen heilte; die um 1660 entstandene Federzeichnung ist im Amsterdamer Rijksprentenkabinet zu besichtigen.)
Solche Krankenheilungen setzte Jesus zweifellos nicht bloß beiläufig als spektakuläre Zauberkunststücke ein, welche die tumben Massen auf ihn neugierig machen sollten (2) - sie waren essentieller Bestandteil seiner Botschaft. In seiner anscheinend grenzenlosen Macht zu heilen wollte er Zeugnis dafür ablegen, wessen Sohn er war und wer ihm beistand; er wollte sichtbare Zeichen setzen, die seine Verkündigung untermauerten: Das Gottesreich kommt nicht erst am fernen Ende aller Tage, es "ist nahe" (Mt. 10, 7). (»Wenn ich mit dem Finger Gottes die bösen Geister austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen«, zitiert ihn Lukas 11,20.) In der Möglichkeit, im Vertrauen auf Ihn selbst von vermeintlich ausweglosem Leid frei zu werden, sollte die Allmacht tiefer Religiosität offenbar werden: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt" (Mk. 9, 23). Die Heilungen Jesu waren Lektionen, wie sie überzeugender nicht ausfallen konnten.
Entsprechend große Bedeutung maß Jesus dem Heilungsauftrag bei, als er seine Jünger aussandte - mit der Vollmacht, nicht nur das Wort Gottes zu verkünden, sondern therapeutisch aktiv zu werden, um "alle Krankheiten und Leiden zu heilen" (Mt. 10,1): "Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!" (Mt. 10, 5; ähnlich zitiert ihn das Lukas-Evangelium 10,9.) Die ersten christlichen Wanderprediger hielten sich konsequent daran (3) - und darauf beruhte ein Großteil des Erfolgs ihrer Mission. Sich Kranker anzunehmen und ihr Leid durch Gebete, Salbungen und Handauflegen zu lindern, gehörte in den urchristlichen Gemeinden lange Zeit zum selbstverständlichen Alltag. Pflegedienst war Gottesdienst.
Treffen Geistheiler insofern nicht ein zentrales christliches Anliegen? Sollte ihnen daher nicht die Unterstützung der Kirchen in ihrem Bemühen um gesellschaftliche Anerkennung, um Integration ins Gesundheitswesen sicher sein? Sollten sie in Pfarrgemeinden und kirchlichen Einrichtungen nicht mithelfen dürfen, Leid zu lindern? Kein Heiler ist so vermessen, sich als Sohn Gottes auszugeben. Doch die meisten fühlen sich immerhin als Seine Kinder; die Energien, die sie vermitteln, führen sie auf einen göttlichen Ursprung zurück. Viele sind praktizierende, tiefgläubige Christen, die sich wie einst Jesus als Werkzeug des Allerhöchsten sehen - als "Kanal" für eine übermenschliche Kraft, die durch sie wirkt.
Eine Annäherung käme freilich nicht allein den christlichen Kirchen zugute, sondern durchaus auch der Heilerbewegung. Kein Religionsstifter hat die bedingungslose Liebe für den Nächsten jemals so nachdrücklich in den Mittelpunkt seiner Botschaft gestellt wie Jesus. Und gerade sie gerät allzuvielen Geistheilern von heute zunehmend aus dem Blick. Je größere Bedeutung esoterischen Techniken zum "Kanalisieren" mysteriöser "Energien", zum Glätten von Auren, zum Manipulieren von Chakras und anderen Sonderausstattungen "feinstofflicher" Körper beigemessen wird, desto mehr scheint sich die Kunst des Geistheilens darin zu erschöpfen, eine Energietechnik besonderer Art perfekt zu beherrschen und lehrbuchkonform zur Anwendung zu bringen. In den Hintergrund rücken dabei liebevolle, selbstlose Zuwendung, herzliche Anteilnahme, einfühlsames Verstehen, geduldiges Begleiten. Und auch andere unsympathische Begleiterscheinungen des Heilerbooms - die Kommerzialisierung der Szene, ihr Starkult, Eitelkeit und Machtgier, Scheinheiligkeit und Egozentrismus, die sanfte Diktatur selbsternannter “Erleuchteter”, der klägliche Niedergang von Demut und Bescheidenheit - sind unvereinbar mit jenem Geist, in dem Jesus den Dienst am leidenden Nächsten beispielhaft vorlebte; mit seiner Hilfe wären sie durchaus exorzierbar, meint
mit herzlichem Gruß Ihr
P.S.: Mehr zum Thema dieses Editorials finden Sie in der Anthologie Wie Jesus heilen. Geistiges Heilen: ein Akt christlicher Nächstenliebe (4. Aufl. 2008)
Anmerkungen 1 Nach einer Repräsentativumfrage des EMNID-Instituts im Frühjahr 1999 unter 2000 Erwachsenen; siehe Der Spiegel 21/1999, S. 222. 2 Als wohlbedachte Tricksereien sind die Heilwunder Jesu und seiner Jünger z.B. von Karl Friedrich Bahrdt (1741-1792) zurechtgedeutet worden, dem enfant terrible der deutschen Aufklärungstheologie: »Um etwas auszurichten, müssen sie (Jesus und seine Jünger) sich dem Aberglauben des Volkes akkommodieren und ihre Weisheit unter dem Mantel der Torheit an die Leute bringen, ob die Menge, durch den Schein getäuscht, sich der Vernunftoffenbarung öffnen möchte und nach einiger Zeit imstande wäre, sich vom Aberglauben zu emanzipieren. Jesus sieht sich also genötigt, in der Rolle des erwarteten Volksmessias aufzutreten und sich zu entschließen, mit Wundern und Täuschungen zu operieren." Zit. nach Albert Schweitzer: Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (1906), 6. Aufl. Tübingen 1951, S. 40 f. 3 Paulus etwa spricht in Röm. 15,19 und 2. Kor. 12,12 unmissverständlich von den "Zeichen und Wundern", die er wirkte, und nennt sie recht grundsätzlich "Zeichen des Apostels" (2. Kor. 12, 12)
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